Hört nicht auf ihre Worte, beurteilt sie nach ihren Taten. Wir sind die Geißlein und erkennen den kreidefressenden Wolf nicht.

» […] Möglichst alle Bürger gehen weiter brav und unauffällig zur Arbeit, sprechen aber nicht darüber. Möglichst viele arbeiten zuhause im Homeoffice. Ansonsten reduzieren sich die Menschen auf das Konsumieren und die Existenz als einzelnes Individuum und, falls vorhanden, auf die Kleinstfamilie, halten Abstand voneinander, keine öffentlichen Versammlungen – mit einem Schlag war der ideale Zustand des neoliberalen Menschen hergestellt. Nach dem bekannten Motto „There is no such thing as society“ – sowas wie Gesellschaft gibt es nicht.

„Wir bleiben jetzt alle zuhause“, so blubbern ebenso fürsorglich wie demagogisch der Bundespräsident und die Bundeskanzlerin. Als stehe die ganze Wirtschaft still – völliger Unsinn.

Von den 45 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland arbeiten die allermeisten weiter: Nur etwa drei Millionen (beantragte) KurzarbeiterInnen, eine Million Selbständige, zwei Millionen geringfügig Beschäftigte der Gastronomie, des Einzelhandels, der Museen und Theater u.ä. arbeiten nicht. [10] Aber über die auch gesundheitsgefährdende, vielfach sogar intensivierte Arbeit soll man nicht sprechen.

Selbst im Gesundheitswesen werden die dringendsten Reformen verhindert.
Die unterbezahlten, überlasteten Beschäftigten werden zwar als „Helden der Arbeit“ gefeiert, aber ihre Gehälter werden nicht erhöht – bestenfalls wird von den Ober-Demagogen wie dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder ein einmaliger Krisen-Bonus von 500 Euro gewährt.

Der Personalbestand wird nicht dauerhaft erhöht, es werden nur krisenbedingte Aushilfen angeworben, notfalls zwangsverpflichtet.

Pro Bett, das für einen möglichen Corona-Erkrankten zulasten einer schon vereinbarten Operation freigemacht wird, zahlt der Staat 590 Euro – aber keinen Euro für zusätzliche Betten.

Die an Billigfirmen ausgelagerten, auch hygienerelevanten Dienste wie Reinigung und Catering, die Überlastung des Personals, die Fallpauschale, die Gewinnorientierung – alles bleibt.

In den Straßen, auf öffentlichen Plätzen, in Parks patrouilliert die Polizei, um mit harten Strafgeldern das Abstandsgebot durchzusetzen.

Aber kam die Polizei schon mal in den engen Massenunterkünften der ausländischen WanderarbeiterInnen und WerkvertraglerInnen vorbei, die zum Beispiel beim größten Schweineschlachtbetrieb Europas, bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück und in Weißenfels, arbeiten?

Da reichen die bisherigen 16-Stunden-Schichten nicht aus. Da müssen jetzt am Wochenende noch Zusatzschichten geschoben werden. „Die Nachfrage ist um ein Drittel gestiegen“, darf Konzern-Chef Clemens Tönnies im Handelsbatt jubeln. [11]

Oder auf den Baustellen, wo ja auch nur ausländische Arbeiter arbeiten, aus Osteuropa?

Wie sieht es aus bei Müllwerkern, Kanalarbeitern, Briefsortierern, Briefträgern, Paketboten, in den Mannschaftsunterkünften der Bundeswehr und in den Fulfillment-Zentren von Amazon? [12]

Nicht nur in den Krankenhäusern fehlen immer noch Masken und Schutzkleidungen, in den Unternehmen fehlen sie fast vollständig – diese ganz unsichtbaren „Helden der Arbeit“, die jetzt teilweise auf Feldbetten im Betrieb übernachten, sieht man nicht, sie brauchen nicht geschützt werden?

Die Niedriglöhne in den als systemrelevant erklärten Bereichen wie Krankenhäuser, Logistik, Nahrungsproduktion werden nicht erhöht – nein, aber mit der Covid-19-Arbeitszeit-Verordnung wurde die Zahl der zulässigen Arbeitsstunden erhöht, auf 12 Stunden pro Tag und 60 Stunden pro Woche, die Ruhepausen werden verkürzt, Sonn- und Feiertagszeit kann verordnet werden.
Aber Tönnies brauchte dazu nicht einmal diese Notverordnung, um schon vorher noch viel mehr Stunden herauszupressen. [13] […] «

Werner Rügemer | Hintergrund – Das Nachrichtenmagazin | 14.04.2020 | Weltpolitik: Der Corona-Effekt | https://www.hintergrund.de/politik/welt/der-corona-effekt/

Quellenangaben siehe https://www.hintergrund.de/allgemein/quellenangaben-heft-1-2020/#3

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2 Antworten zu Hört nicht auf ihre Worte, beurteilt sie nach ihren Taten. Wir sind die Geißlein und erkennen den kreidefressenden Wolf nicht.

  1. nandalya schreibt:

    Ist das wirklich noch Neoliberalismus oder doch schon der Weg zum neuen Sozialismus / Kommunismus, zum „totalen Staat“. wie ihn China praktiziert?

    Kennst du das Buch „Kreide für den Wolf?“, von Robert Baader? Ich musste spontan an diese Titel denken, als ich die erste Zeile las.

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    • Nein, das Buche kenne ich (noch) nicht. Sowohl der Neoliberalismus aus auch der Sozialismus/Kommunismus streben zum totalen Staat. Im Neoliberalismus wird sich der Staat dabei auf die Sicherung der Vermögenswerte der Reichen beschränken und dies mit totalitärer Macht. Vor diesem Hintergrund erschiene dann der totalitäre Sozialismus/K. als lohnende Alternative.

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