„Was uns fehlt und was wir uns […] unbedingt zurückerobern sollten, ist der Glaube daran und das Vertrauen darin, dass wir das Potential besitzen auch ohne Kampf, Hass, Umsturz oder andere Formen von Gewalt etwas zu bewirken.“

» Ich habe ein paar Tage gebraucht, um die Bilder, die ich seit der Corona-Demo am 1. August in Berlin in meinem Kopf habe, zu sortieren. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich meine eigene Wut und mein Entsetzen verstanden habe und einordnen konnte. Nun hat sich der Nebel gelichtet.

Covidioten sagen die einen, Querfront oder verantwortungslose Spinner die anderen. All das fasst es nicht. Was sich letzten Samstag im Demozug und auf der sich anschließenden Kundgebung getummelt hat, war eine Mischung von Menschen aus den unterschiedlichsten Spektren unserer Gesellschaft. Familien, Esoteriker, Impfgegner, Rechte, Reichsbürger, Friedensaktivisten, Yogajünger*innen, Veganer*innen, Weltverbesserer, Linke, allgemein unzufriedene und enttäuschte Menschen und etliche Mitläufer, die Lust auf Party und Umsturz hatten. Auch wenn die Veranstalter und viele etwas anderes behaupten – mehr als 20.000 waren es nicht. Da brauche ich nicht mal ein Drohnenbild – um das einzuschätzen reicht meine eigene Berliner Demo-Erfahrung der letzten Jahre.

Was allerdings weit ab meiner eigenen Erfahrung war, verbarg sich hinter mit Händen geformten Herzen und hinter bunten Gewändern: eine unglaubliche Wut auf jeden/jede, der sich nicht anschloss. Das bekam die Presse zu spüren, das bekamen einzelne Polizisten zu spüren, das konnte jeder fühlen, der seine Antennen für Emotionen offen hat. Meine Reaktion darauf war, mich nach 20 Minuten zu verabschieden – zu groß war die Angst vor einer Eskalation, zu groß die Angst, dass aus den Stinkefingern und den verbalen Angriffen mehr wird, mir jemand die Kamera aus der Hand schlägt oder auf andere Art handgreiflich wird. Man weiß in Berlin nicht so genau, wie die Polizei reagiert, auf wessen Seite sie steht, wen sie vor wem schützt. Letzten Samstag hieß die Strategie Deeskalation, der Wermutstropfen dahinter war, dass die Veranstaltung angesichts der Verstöße gegen die Auflagen viel zu lange stattfinden konnte. Aber das ist eine andere Baustelle, die ich jetzt nicht aufmachen will.

Für mich stellt sich heute, knapp eine Woche später und nach vielen gelesenen Kommentaren, Berichten und Meinungen die Frage, wie gefährlich diese bunte Bewegung für unsere ohnehin schon fragile Demokratie ist und wie es überhaupt soweit kommen konnte, dass Menschen, die für Frieden und für eine bessere Welt sind, mit knallharten Reichsbürgern und Holocaust-Leugner gemeinsame Sache machen.

Mehr noch – dass viele das auch im Nachhinein noch rechtfertigen und feiern, ohne sich auch nur einen Hauch mit der Gesinnung der Hetzer, die sie da hofiert haben, auseinanderzusetzen. „Total genial“ schreibt eine Frau unter ein Video, das den wegen Volksverhetzung verurteilten Nikolai Nerling zeigt, wie er in das Mikrofon eines rbb-Reporters seine krude Weltanschauung posaunt. Wenig später umarmte der Mann den Pressesprecher der Bewegung „Querdenken 711“. Allein das ist so absurd, so widersprüchlich, dass man verzweifeln möchte. Jemand, der trommelnd auf der Bühne steht, den Frieden herbeiruft, umarmt einen Mann, der nichts anderes als Diktatur und Krieg will. Der den Holocaust leugnet, der mit Attila Hildmann, der Politiker öffentlich hinrichten lassen will, gemeinsame Sache macht. Die meisten haben die anderen Bilder auch gesehen – Bilder von hoch erregten Menschen, die „Lügenpresse“ und „Widerstand“ brüllten, sich für die zweite ’89 Bewegung hielten, Pressevertreter angriffen und Politikern den Tod wünschten. Das alles auszublenden und von einer gelungenen und erfolgreichen Veranstaltung zu sprechen – dazu gehört schon eine gehörige Portion Ignoranz und Sturheit, denkt man als Außenstehender und doch mag es für jene, die dabei waren, stimmen.

Denn vielleicht ist das, was alle einte, der gemeinsame Wunsch nach einem Umsturz. Das tiefe Bedürfnis und Verlangen danach, dass sich endlich etwas bewegen, dass sich etwas ändern soll. Das wurde zweifelsfrei nach außen getragen und ist offensichtlich schon so weit gediegen, dass dafür alle Mittel recht sind und ausgeblendet wird, dass ein Sturz oder Umsturz, der von rechter Gesinnung getrieben ist, wohl kaum das bewirken kann, was sich die Weltverbesserer und Friedensaktivisten wünschen.

Ich muss nicht erläutern, dass wir das in unserer Geschichte schon einmal hatten. Auch damals war es die Querfront, die den Steigbügel hielt. Menschen, die ausgeblendet haben, dass sie benutzt werden. Die sich neuen Heiligen oder Erlösern unterworfen haben, damit die ausführen, was ihnen selbst nicht gelang. Menschen, die damals wie heute ausblenden, dass sie von denen, die sie beklatschen, verachtet werden. Ich musste in den letzten Tagen mehrfach an „Animal Farm“ von George Orwell denken und an das Buch „Verratene Liebe – Falsche Götter“ von Arno Gruen. Dort heißt es auf dem Buchrücken:

Wir Menschen streben nach Autonomie, aber unterwerfen uns Autoritäten. Wir verlangen nach Liebe, aber machen uns abhängig von falschen Göttern. Wer uns Glück verheißt, dem folgen wir, ohne zu erkennen, dass damit die Verfälschung der Liebe beginnt. Das hat gesellschaftliche wie auch politische Konsequenzen: Wir unterwerfen uns den Aggressoren, also denen, die Angst schüren, Hass propagieren, Gewalt androhen und Terror betreiben.

Bleibt die Frage, wie es soweit kommen konnte und was Corona damit zu tun hat, denn die angebliche Beschneidung der Freiheit durch die Corona-Maßnahmen durch die Regierung war ja Aufhänger der Proteste, die sich nicht erst seit vergangener Woche manifestiert haben. Um das zu verstehen, hilft ein Blick ins Innere der auf den ersten Blick verstreuten, auf den zweiten Blick doch eigentlich recht geschlossenen Szene aus Impfkritikern, -gegnern, Esoterikern, Linken, Weltverbesserern und -verschwörern.

Was sie alle verbindet, ist der Frust darüber, dass ihre Botschaften nicht gehört und nicht ernst genommen werden. Dass sie verlacht werden, die Politik sie links liegen lässt oder ihnen sogar Steine in den Weg legt, obwohl – und das ist der feste Glaube – sie doch eigentlich etwas Gutes wollen. Und wie ein Kind, dass mit seinen Bedürfnissen nicht wahrgenommen wird und sich aufgrund dessen immer auffälliger verhält, schreitet bei einigen die Radikalisierung voran, werden die Worte krasser, die Gesten deutlicher, die Wut größer. Und das ist der Punkt, an dem ich mich annähern, den ich verstehen kann. Nicht, weil ich das gutheiße, sondern weil ich den Mechanismus und den Ursprung, der sich dahinter verbirgt, verstehe: Wir leben in einer Welt, die den Blick für das Ganze verloren hat, die Vielfalt reduziert, die die Ratio über das Gefühl gestellt hat, die stellenweise eiskalt agiert, bis dahin, dass sie Menschenleben opfert.

Dass immer noch Menschen im Mittelmeer ertrinken, dass das durch politische Entscheidungen gebilligt wird, trägt die subtile Botschaft in sich, dass Menschenleben nicht zählen. Wenn das aber der anerkannte Status ist, wie kann die Politik dann jetzt plötzlich glaubhaft vermitteln, dass jedes Leben zählt? Da klafft eine Lücke. Die klafft auch an vielen anderen Stellen, wo berechtigte Kritik durchaus angebracht ist. Der Youtuber Rezo hat in seinem Video „Die Zerstörung der CDU“ einige Punkte benannt, auf die ich jetzt nicht näher eingehen will.

Aber bleiben wir mal auf der Spur: Wie geht es einem Menschen, der zusehen muss, wie die Politik nicht in der Lage ist, die schamlose Bereicherung von Konzernen und ihren Vorständen, Aktienbetrug oder ähnliches zu stoppen, während er selbst aufgrund der Maßnahmen seine Existenz verliert? Was fühlen jene, die durch ihre vegane Art zu leben, Natur und die Tiere seit langem schon schützen und gleichzeitig tagtäglich sehen, wie von anderen alles mit Füßen getreten wird oder wenn eine Ministerin Lobbyverbände hofiert, statt sich für Tier- und Menschenwohl einzusetzen? Was macht es mit denen, die fordern, sanfte Heilmethoden anzuerkennen, die nachweislich wirken, wenn sie von anderen dafür verlacht werden, in jedem Sommerloch für populistische Artikel herhalten müssen, obwohl wir gut daran täten, uns für dieses Wissen zu öffnen? Wie ist das innere Erleben jener, die sich seit Jahren für Bewegung in der Politik engagieren, hingehalten werden und nun zusehen müssen, wie plötzlich ganz schnell Entscheidungen getroffen werden. Was ist mit der Erfahrung, fremdbestimmt zu sein?

Ich denke, dass uns in den letzten Jahrzehnten viel verloren gegangen ist, was ich unter dem Oberbegriff „Verbindung“ sammeln würde. Die Verbindung zur Natur, die Verbindung zu anderen Menschen, die Verbindung zu uns selbst, zu unserem Wesen, zu unserer Seele und unseren wahren Bedürfnissen. Wir spüren intuitiv alle, dass Wachstum nicht der Schlüssel ist, auch wenn uns das die Nachrichten jeden Abend verkaufen wollen. Wir spüren auch, dass wir diese Verbindungen zu uns, zu anderen, zur Natur brauchen, sie aber immer weniger leben können und dass sie natürlich durch die Einschränkungen noch weiter reduziert wurden.

Auch das ist ein Punkt, an dem ich nachvollziehen kann, dass das einige triggert und ihnen Angst macht. Nur darf die Antwort auf all die berechtigten Punkte nicht sein, sich mit Demokratiefeinden zu verbrüdern, schwachsinnige Mythen zu verbreiten oder zum Umsturz aufzurufen. Ich bin auch der Meinung, dass es einen tiefgreifenden Wandel geben muss und ich bin überzeugt davon, dass wir bereits mitten in diesem Wandel stecken. Was uns fehlt und was wir uns meines Erachtens unbedingt zurückerobern sollten, ist der Glaube daran und das Vertrauen darin, dass wir das Potential besitzen auch ohne Kampf, Hass, Umsturz oder andere Formen von Gewalt etwas zu bewirken. Ich bin tief geprägt durch meine Ost-West-Vergangenheit, habe erlebt, wie etwas, das „weder Ochs noch Esel aufhält“ durch die Kraft von Menschen, die an etwas glaubten, aus den Angeln gehoben wurde.

Der Soziologe Rutger Bregman hat ein Buch mit dem Titel „Im Grunde gut“ geschrieben, in dem es darum geht, den Grundfeiler westlichen Denkens, nämlich den, dass der Mensch grundsätzlich böse ist, endlich zu hinterfragen. Ich glaube wie er auch fest daran, dass wir besser sind, als wir denken. Und vielleicht ist das ja auch etwas, was wir von der Demonstration #B0108 lernen können – der dort offensichtlich gezeigte Wunsch danach, gehört zu werden und sich zu verbinden. Vertrauen und Kooperation sind die Basis auf der das Neue entstehen könnte. Das gelingt nicht, indem wir wieder Gurus an die Spitze stellen, verwirrten Mythen glauben oder Feinde und Schuldige suchen – an der Stelle ist meines Erachtens auch der Gesetzgeber gefragt, eindeutige Grenzen aufzuzeigen–, sondern das gelingt, indem wir uns als Menschen die Hand reichen. Das gilt für uns, die wir entsetzt waren und für die Demonstranten gleichermaßen. Uns in unserer Unterschiedlichkeit, in unserer Vielfalt, in unserer Verschiedenheit zu sehen und zu akzeptieren, ist doch das Wesen von Demokratie. Unser Leben ist geprägt durch Ambiguität – die auszuhalten, uns in unserer eigenen Widersprüchlichkeit anzunehmen, ist die Basis dafür, auch auf politischer und gesellschaftlicher Ebene gemeinsam etwas zu bewegen. Dann braucht es kein trotziges Verhalten und keine falschen Götter mehr. «

Jeannette Hagen :: facebook :: 07.08.2020 :: #B0108 – Der Versuch einer Annäherung :: https://www.facebook.com/notes/jeannette-hagen/b0108-der-versuch-einer-ann%C3%A4herung/3560435370641339/


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Eine Antwort zu „Was uns fehlt und was wir uns […] unbedingt zurückerobern sollten, ist der Glaube daran und das Vertrauen darin, dass wir das Potential besitzen auch ohne Kampf, Hass, Umsturz oder andere Formen von Gewalt etwas zu bewirken.“

  1. gkazakou schreibt:

    Allzu querbeet die Argumentation – von die Verführten der 20er Jahre über die im Mittelmeer Ertrinkenden über die Konzernschelte über die Reichsbürger über die Ost-West-Erfahrungen etc pp. Ein bisschen allzu selbstgefällig auch für meinen Geschmack und ein bisschen zu suppig, wenn sie schließlich Verständnis für all die Aufgeregten zeigt, sie dann aber ermahnt, die Widersprüchlichkeit auszuhalten – stillzuhalten und sich „zu verbinden“ (aber natürlich nicht zu einer unheiligen Querfront).

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