Anspruch und Wirklichkeit klaffen jeden Tag ein Stück mehr auseinander. Freier Fall.

Ich hab‘ den Eindruck, dass das, was die ganze Welt
Bislang in ihrem Innersten zusammenhält
Wenn wir nicht aufpassen, auseinander fällt
Wie bei einem Erdbeben
Selbst das, was man bisher für gegeben hält
Weswegen sich mir immer mehr die Frage stellt:
In was für einem Land auf dieser Welt
Will ich eigentlich leben?

Im Land, in dem ich leben will, herrscht Demokratie
Und statt skrupellosem Kapitalismus Gemeinwohlökonomie
Ein Land, das seine Ärmsten nicht noch zusätzlich sanktioniert
Und das mit dem bedingungslosen Grundeinkommen zumindest einmal ausprobiert

Dann herrschte nämlich von vornherein viel mehr Gerechtigkeit
Und für das, was wirklich wichtig ist, bliebe viel mehr Zeit
Ich wünsche mir ein Land, wo man sich gegenseitig unterstützt
Wo man Mensch und Tier und Umwelt und Minderheiten schützt

Denn im Land, in dem ich leben will, gehört jeder Mensch dazu
Egal, ob L oder G oder B oder T oder I oder Q
Wo weder Hautfarbe noch Herkunft über einen bestimmt
Sondern einzig und allein, wie man sich benimmt

Ob man die Werte dieses Landes anerkennen kann oder ob man
Mit Frieden, Freiheit und Humanismus nicht sonderlich viel anfangen kann
Ich hätt‘ ja nichts dagegen, will ich an dieser Stelle mal betonen
Wenn all die Intoleranten und Rückwärtsgewandten irgendwo anders wohnen
Das Land, in dem ich leben will, wird regiert von einer Zunft
Die sich von Besonnenheit leiten läßt, von Anstand und Vernunft
Menschen, die den Rechtsstaat und die Gewaltenteilung respektieren
Die sich nicht zum Alleinherrscher aufspielen und per Dekret regieren

Weder sind es chauvinistische, narzisstische Idioten
Noch verlogene, rassistische Diktatoren und Despoten
Die jeden, der nicht ihrer Meinung ist, zum „Terroristen“ deklarieren
Ihn schikanieren, inhaftieren, foltern und liquidieren

Das Land, in dem ich leben will, ist vor so etwas gefeit
Denn es herrscht dort eine unabhängige Gerichtsbarkeit
Mit Richtern, die sich gegen Korruption und Willkür positionieren
Und wo nicht dafür plädiert wird, die Todesstrafe wieder einzuführen

Und Grundlage der Rechtsprechung ist ein vernünftiges Gesetz
Und kein altes Buch, das Gewalt propagiert und gegen „Ungläubige“ hetzt
Ich wünsche mir ein Land, wo man die Menschenrechte anerkennt
Und dabei Staat und Kirche voneinander trennt

Im Land, in dem ich leben will, ist egal, was du bist
Ob Buddhist, Moslem, Jude, Christ oder Atheist
Weil sich selbstverständlich alle gegenseitig respektieren
Und keiner versucht den anderen zu missionieren

Religion ist dort kein Vorwand für Unterdrückung und auch
Nicht für die Legitimierung schlimmster Verbrechen wie etwa Kindesmissbrauch
Gewalt gegen Andersgläubige, Andersdenkende, Minderheiten und Frauen
Grad gegen solche, die sich gegen das Unrecht aufzubegehren trauen
Im Land, in dem ich leben will, sind Frauen gleichgestellt
Das heißt für gleiche Arbeit kriegen sie das gleiche Geld
Man behandelt sie grundsätzlich mit gebührendem Respekt
Sie werden weder genital verstümmelt noch degradiert zum Sexobjekt

Und niemand schreibt ihnen vor, was sie tun und lassen sollen
Sie entscheiden selbst, wie sie sich kleiden und wen sie heiraten wollen
Und brauchen keine Angst zu haben wie in and‘ren Ländern hier auf Erden
Von der eigenen Familie umgebracht zu werden

Das Land, in dem ich leben will, ist ein Land, in dem man
Ohne gleich im Knast zu landen frei seine Meinung äußern kann
Wo man nicht mit dem Tod bedroht wird als Karikaturist
Als Lyriker, Satiriker oder kritischer Journalist

Denn grade eine freie, qualitativ hochwertige Presse
Ist meiner Meinung nach in unser aller Interesse
Weil sie wachsam den Machthabern auf die Finger schaut
Und der man vertrauen kann, weil man weiß, dass sie auf Fakten baut

Im Land, in dem ich leben will, wird in Bildung investiert
Kinder werden individuell gefördert und mit Wissen ausstaffiert
Und eben nicht indoktriniert und mit Absicht dumm gehalten
Sondern in die Lage versetzt dieses Land klug und weise mitzugestalten

Dann fallen sie auch nicht vermeintlich einfachen Lösungen anheim
Und gehen weder den religiösen Rattenfängern noch Populisten auf den Leim
Weil sie sich eigenständiges Denken und kritisches Nachfragen erlauben
Je mehr die Menschen wissen, desto weniger müssen sie glauben

https://www.youtube.com/watch?v=WiCV4KKW6Nw

Bodo Wartke
Das Land, in dem ich leben will

Nur wenn jede* Einzelne, ihre/seine Komfortzone verlässt, kann dieser freie Fall noch aufgehalten werden; jede* nach seinen Möglichkeiten.


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Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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