Verdrängte Enttäuschung.

Ich befürworte es, alle staatlichen Maßnahmen kritisch zu hinterfragen, nicht nur die Maßnahmen mit und an der aktuellen Pandemie. Was ich strikt ablehne, ist die maßlose Sprache, die vulgären Formulierungen und förmlich spürbare Schnapp-Atmung der kritischen Geister, das Verächtlichmachen des derzeitigen Mainstreams. Vielen, eher dem linken Spektrum zugerechneten, kritischen Geistern folgte ich über viele Jahre, manchen über Jahrzehnte. Doch so viele der mir liebgewonnenen kritischen Linken haben die Sachlichkeit eingetauscht gegen Häme und Hetze. Und ich dachte bei mir, dass jetzt all der Frust herauskommt, der sich seit dem Ende der Kanzlerschaft Willy Brandts aufgestaut hat, der Frust, dass es über viele Jahre eine Mehrheit links von der Union gegeben hat und man, sprich die SPD, diese Mehrheit buchstäblich links liegengelassen hat und dass linkes Reden nur fürs Papier gut war.

Joseph Kuhn beschreibt meinen Eindruck auch in seinem letzten Absatz.

 

» […] Zwischen der berechtigten und notwendigen Kritik an gesellschaftlichen Missständen und obskuren Verschwörungstheorien scheint es nur einen schmalen Grat des Niemandslands zu geben, mit einem hohen Risiko für Grenzgänger, in den Abgrund des Abgründigen zu stürzen.

… | …

Man kennt es aus der Medizinkritik, die mitunter gläubige Homöopathen hervorbringt, unerreichbar für jedes Argument. Man kennt es von politischen Radikalisierungsprozessen, die im Terror enden, besonders irritierend, wenn der Ausgangspunkt eine humanistische Sicht auf die Welt war, an den Machtverhältnissen verzweifelnd, aber nicht von guten Mächten wunderbar geborgen.

 

Und man kann es jetzt in der Coronakrise beobachten. Wolfgang Wodarg ist so ein Fall. Seine in langen politischen Auseinandersetzungen mit einer lobbyverstrickten Gesundheitspolitik erworbene Glaubwürdigkeit, für eine am Menschen orientierte Medizin einzutreten, hat sich in der Coronakrise für mich und viele andere aufgelöst. Er ist zum dogmatischen Kämpfer gegen einen von ihm vermuteten „großen Plan“ geworden. Selbst hinter einer Laborpanne sieht Wodarg inzwischen eine Einflussnahme der Regierung.

 

Klaus-Jürgen Bruder ist ein anderer Fall. Er ist einer der ganz Großen der kritischen Psychologie. […] Sein Lebensthema waren die Freiheit und eine Psychologie, die den Menschen dabei zur Seite steht, statt zu ihrer „Normalisierung“ und systemfunktionalen Anpassung beizutragen. Seit einiger Zeit raunt er nun aber in höchst anrüchigen Foren wie KenFM oder Rubikon verschwörungstheoretisch über verborgene Absichten hinter der Coronakrise. Es sei eine Inszenierung, um Menschen unter die Macht der Herrschenden zu beugen.

 

Man verstehe mich nicht falsch. Dass in Gesellschaft und Politik immer wieder Kräfte am Werk sind, die es nicht gut mit uns meinen, und dass auch die Coronakrise manchem Autokraten und solchen, die es gerne wären, dazu dient, demokratische Rechte abzubauen, will ich ebenso wenig bestreiten wie die Tatsache, dass sich die Coronapolitik auch hier in Deutschland nicht gerade durch demokratische Vorbildlichkeit auszeichnet. Die wiederholte, gerade wieder lauter werdende Forderung nach einer Parlamentarisierung der Coronapolitik ist ein Reflex dieser unguten Situation.

 

So wenig wir deswegen in einer „Merkeldiktatur“ leben, wie es die Rechten formulieren, so wenig folgt daraus, dass die Politik einen großen Plan zur Unterdrückung der Menschen in Szene setzt.

… | …

Es ist, als ob das lebenslang mit guten Gründen trainierte Misstrauen gegen die Mächtigen seinen Gegenstand aus den Augen verloren hätte und sich jetzt im Nebel einfach ein anderes Ziel sucht.

… | …

Mag sein, dass die […] Menschen, die sich scheinbar alles gefallen lassen (was sie ja gar nicht tun), manchmal zu naiv sind, oder zu duldsam gegenüber den Zumutungen der Politik, oder in manchen Ländern auch zu ängstlich, um sich gegen echte Autokraten zu wehren, oder zu verblendet, aber das ändert nichts daran, dass man im Nebel nichts sieht. Die Verächtlichkeit gegenüber den vermeintlichen „Schlafschafen“ teilst du mit den Rechten. Kann es sein, dass das deine verdrängte Enttäuschung darüber ist, dass sie in all den Jahren nicht mit dir in die Revolution für eine bessere Gesellschaft gezogen sind? Dass sie lieber das „bisschen Fussball“ (Wolf Biermann) vorgezogen haben und lieber auf die Werbung als auf dich gehört haben? […] «

 

Joseph Kuhn  ::  ScienceBlogs  ::  01.11.2020  ::  Klaus-Jürgen Bruder: Enemies in the fog?  ::  https://scienceblogs.de/gesundheits-check/2020/11/01/klaus-juergen-bruder-enemies-in-the-fog/?all=1

 

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6 Antworten zu Verdrängte Enttäuschung.

  1. Maccabros schreibt:

    Wobei Worte so oder so gedeutet oder ausgelegt werden können, oder sollen?

    Kritik ist, sofern sie als Mittel zur Besserung gedacht ist, meist willkommen, andere wollen gar keine besseren Vorschläge machen, da geht es nur um die Polemik an sich.
    Man kann gegen alles und jeden sein, nur sollte man dann aber realisierbare Gegenvorschläge parat haben…

    Ein Artikel der, so oder so, zu denken gibt…

    Gefällt 1 Person

  2. nandalya schreibt:

    Kuhn: 👎
    Dr. Wodarg: 👍
    Soll ich noch deutlicher werden?

    Gefällt 1 Person

    • Nee, nee. Das habe ich erwartet. Bei aller Deutlichkeit deiner Worte, so zähle ich dich nicht zu denjenigen, die in dem Artikel beschrieben sind, ich empfinde sie, deine Worte nie abwertend Andersdenkenden gegenüber. Es fehlt ein wirklicher Diskurs zwischen den Menschen unterschiedlicher Auffassungen.

      Gefällt 2 Personen

      • nandalya schreibt:

        Manchmal schreibe ich absichtlich emotionaler, aber das weißt du bestimmt.

        Was mich in den letzten Monaten stört sind sogenannte „Faktenchecker.“ Diese Journalistendarsteller erheben sich ohne Ahnung von deren Fachgebiet zu haben, über kritische Wissenschaftler und / oder Mediziner. Mit welchem Recht? Dem des herrschenden Narrativs? Offensichtlich. Die Bücherverbrennung der Nazis lässt grüßen. Wo ist die Zeit hin, als man sich lachend über die oder die Partei austauschte, ohne sich an die Gurgel zu gehen? Reden wir, jetzt!

        Gefällt 1 Person

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