Jeder kann das tun, was er kann, um diesen Planeten zu retten; jeder kann sein Bestes tun und muss nicht darauf warten, dass der Nachbar beginnt.

» […] Das Problem an vorhergesagten Katastrophen ist, dass die Prognose so lange fragwürdig bleibt, bis die Katastrophe eintritt. Der Restzweifel, der jeder Wissenschaft innewohnt, wenn sie in die Zukunft extrapoliert, eignet sich, um die Ergebnisse grundsätzlich infrage zu stellen.
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Je dringlicher Wissenschaftlerinnen vor baldigen gravierenden Konsequenzen des weltweiten CO2-Ausstoßs warnen, je surrealer die von ihnen genannten points of no return in zeitliche Nähe rücken […], desto umstrittener wird ihre Position. Angesichts einer immer noch lebenswerten Umwelt, angesichts gefüllter Supermarktregale in Mitteleuropa und dem bisherigen Ausbleiben transnationaler Hungerkatastrophen in ärmeren Regionen, scheint es vielen glaubwürdiger, dass die Klimaforscher eine geheime Agenda oder gar Persönlichkeitsstörungen haben, als dass ihre Alarmstufe auf ihrem Wissen basiert.
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Dass sich der momentane Unwille der Mehrheit, etwas Entscheidendes zu verändern, auch daraus speist, dass die vermeintlich exakten Wissenschaften nun eine unerwartet schnelle Verschlechterung der Zustände registrieren, mit Feuern in der Arktis und tauendem Permafrostboden in Sibirien, ist zum Verzweifeln. Letztlich stärkt jede Ungenauigkeit nur den Fatalismus. Solange wir nicht wissen, wie wir gestorben sind, glauben wir erst einmal nicht, dass wir überhaupt sterben können.
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Dass die Beweislast für einen nie dagewesenen Wandel dennoch erdrückend ist, verschwindet fürderhin in der Detaildiskussion sowie im Zweifel an der Vergleichbarkeit verschiedener Messungen zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten des Planeten, auf denen alle großen Klimastudien und -modelle basieren. […] In einem gewaltigen zivilisatorischen Rückschritt auf der Diskursebene verweigern Twitter-Trolle ebenso wie Politikerinnen (auch grüne) die naturwissenschaftlich begründete Erkenntnis von der Notwendigkeit eines zivilisatorischen Rückschritts auf der materiellen Ebene, vom Verzicht auf oder Verbot von Flugreisen, Plastik, motorisiertem Individualverkehr. Stattdessen glaubt man an ein grünes Wachstum, das vielleicht nicht unmöglich ist, aber in Anbetracht der (sich beschleunigenden) Entwicklungen als „Rettung“ heutiger westlicher Lebensbedingungen in etwa so realistisch wie eine kriegsentscheidende Wirkung der „Wunderwaffe“ V2 im Jahr 1944.
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Aus einem abgeklärten „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird“ resultiert die Unfähigkeit zu erkennen, dass die Menschheit schon längst begonnen hat, die Dinge ziemlich heiß in sich hineinzufressen; oder dass sie, um ein anderes Bild zu bemühen, das als solches natürlich immer zweifelhaft ist, schon ein erstaunlich halbgarer Frosch im sich langsam erhitzenden Wasser ist.
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Die Apokalypse, so scheint es, ist auserzählt, und jede Prognose, die ihr ähnelt, wird genau durch diese Ähnlichkeit unglaubwürdig. […] Trägt die Gegenwart tatsächlich (prä-)apokalyptische Züge, ist das nicht wahrnehmbar, beziehungsweise leicht zu verdrängen oder im Kleinen zu rationalisieren.
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Fast scheint es, die Menschheit, die westliche zumindest, habe sich mit Erzählungen so lange abgestumpft (und abgelenkt), bis ihr der Untergang erträglich wird, während er passiert.
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die Apokalypse geschieht ja längst, wir bemerken es nur nicht, indem wir auf ihre äußere Manifestation in Form eines besonders grauenhaften Ereignisses warten. Sie ist passiert, als der Ottomotor erfunden wurde, sie ist mit der Wachstumslogik in die Welt gekommen, sie verbirgt sich im angereicherten Uran auf diesem Planeten. Die Katastrophe […] ist aber nur jener letzte Teil einer Handlung, „in dem alles seinen endgültigen Lauf […] genommen hat“. Und auch Danowski und Viveiros de Castro machen darauf aufmerksam, dass der „Zusammenbruch“ nicht vor uns liegt, sondern hinter uns. „Er hat schon begonnen und ist nicht umkehrbar, er kann höchstens entschleunigt werden.“
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Momentan ist da eine Naturwissenschaft, die Erkenntnisse liefert, welche von einer kritischen Masse der Weltbevölkerung und Staatschefs nicht entscheidend anerkannt werden. […] Neben den Wissenschaftlerinnen gibt es einen von Greta Thunberg mit Bedacht emotionalisierten Protest, der sich auf die wissenschaftliche Evidenz beruft. Dessen Wirkung ist nicht hoch genug zu schätzen, weil er das abstrakte Thema greifbar gemacht hat.
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Irgendein Prepper-Kollektiv wird schon überleben und sich durch postapokalyptische Fiktionen perfekt vorbereitet wissen auf die Umstände, unter welchen es dann, zu seinem Unglück, existieren muss.
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Es ist aber eine legitime Lesart der Geschichte, die Katastrophe dieser Zivilisation als längst passiert zu begreifen. […] Die weltweite Umsetzung lästiger Klimaschutzmaßnahmen wäre just in den Neunzigerjahren […] unmöglich gewesen, da dem aus Sicherheitsgefühl und Zukunftsoptimismus gespeisten Zeitgeist am „Ende der Geschichte“ nicht vermittelbar.
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Jedes Mitglied dieser Gesellschaft kann […] Klimaschützerin zunächst nur für sich selbst sein. Denn Klimaschutz kann nur aus einer grundlegenden Motivation heraus geschehen wie etwa dem Respekt vor der Schöpfung, den eigenen Kindern oder schlicht der Idee, kein gewissenloses Arschloch zu sein. […] Als erste Generation der Menschheitsgeschichte können die jetzt Lebenden – auch aufgrund ihres immensen Wissens – realistisch damit rechnen, dass ihr eigenes Ende mit einem Ende oder radikalen Bruch dieser Geschichte zu tun hat.
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Dem momentan verbreiteten Argument, „Was soll es denn bringen, wenn wir hier in Deutschland etwas ändern“, lässt sich in jedem Fall umso besser begegnen, je weniger die eigene Urmotivation die Rettung des großen Ganzen ist, sondern das Handeln nach einer Maxime, von der man eben wollen würde, dass sie im großen Ganzen zur Rettung beiträgt. […] «

Johannes Schneider :: DIE ZEIT :: 31.07.2019 :: Klimakatastrophe: Die Apokalypse ist leider auserzählt :: https://www.zeit.de/kultur/2019-07/klimakatastrophe-apokalypse-weltuntergang-hysterie-erderwaermung/komplettansicht

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