nedüte.cba | ألمانيا

abc.etüden extra | Zetermordio, weichmütig, backen, Lautsprecher, orange, erschüttern

An die Bomben, Granaten, Maschinengewehrsalven, Pistolenschüsse und Heckenschützen hatte sie sich gewöhnt.

Erschüttert stand sie vor den Überresten ihres Vaters und ihrer einjährigen Schwester; er hatte die Warnungen vor dem Minenfeld ignoriert.

Sie buken so viele Fladenbrote wie möglich, packten anderes haltbares Essen dazu, nahmen ein paar Habseligkeiten mit und machten sich auf, gen Deutschland.

Ihr erstes Lebenszeichen in ihrem facebook-Profil sendete sie aus Bulgarien; nun war es nicht mehr weit und die Deutschen riefen ihnen „Wir schaffen das!“ entgegen.

In Deutschland angekommen lernte sie einen türkischstämmigen jungen Mann kennen und lieben; sie heirateten, jeder behielt seinen Nachnamen.

Als das Baby unterwegs war, suchten sie eine Wohnung, ihre erste gemeinsame.
Sie hatten Glück, eine kleine Dachgeschoss-Wohnung wurde vermietet, der Vermieter, der bisher nur auf persönliche Empfehlungen hin vermietet hatte, war weichmütig, gab seine Bedenken auf, angesichts ihrer flehenden Blicke, ihrer offensichtlichen Schwangerschaft und des redegewandten Auftretens ihres Mannes.
Der Mietvertrag für eine Wohnung für zwei Erwachsene mit Kind war nur noch eine Formsache.

Sie brachte ein gesundes und munteres Baby zur Welt, und mit dem Baby zogen ihre Mutter, ihre beiden pubertierenden Geschwister, eine Schwester und ein Bruder, in die kleine Dachgeschosswohnung.
Schon bald darauf trafen die ersten Beschwerden der anderen Mieter beim Vermieter ein.

Die Nacht wurde zum Tag gemacht, das Treppenhaus wurde zum lebendigen Teil der Dachgeschoss-Wohnung, die ganze Nacht gab es ein Kommen und Gehen mit Haustürknallen, mit lauten Telefonaten vor der Haustür und im Treppenhaus, aus irgendeinem Smartphone-Lautsprecher plärrte immer entweder arabische oder türkische Musik oder aufgeregte arabische Worte; Oropax wurde nun zum nächtlichen Utensil der anderen Mieter.
Die Schalen der Pistazien und die Kippen ihrer Zigaretten wurden einfach in den Hof gespuckt und geschnippt.
Mangels eines Autos, wurden die wöchentlichen Einkäufe mit einem Einkaufswagen bis ins Treppenhaus befördert, in das der Wagen, bis zum nächsten Einkauf, vor der Kellertür abgestellt wurde.

Nachdem die anderen Mieter mit Kündigung und Auszug drohten, beriet sich der Vermieter mit einem Rechtsanwalt, und die Familie erhielt eine Abmahnung, mit der Aufforderung, sich an die Hausordnung und Nachtruhe zu halten.

Daraufhin stellten die so Abgemahnten die Mietzahlung ein.

Es folgten eine weitere Abmahnung, eine fristlose Kündigung und, ersatzweise, falls die Miete nachgezahlt würde, eine ordentliche Kündigung; zwischenzeitlich kam das zweite Kind zur Welt.

Die eingesparte Miete steckten die Bewohner der Dachgeschoss-Wohnung nun offenslichtlich in neue Kleidung und dem gelegentlichen Gebrauch von Mietwagen.

Fast ein Jahr nach der ersten Abmahnung war der Instanzenweg durchschritten, die Mieter hatten auf nichts reagiert, und das Amtsgericht beauftragte einen Gerichtsvollzieher mit der Zwangsräumung.

An einem Dienstagmorgen um 9 Uhr standen der Vermieter, der Gerichtsvollzieher und die Möbelpacker in ihren orangen Warnwesten vor der Tür und begehrten Einlass, der ihnen nicht gewährt wurde.

Der hinzugezogene Schlüsseldienst öffnete die Wohnungstür unter Polizeischutz, die sieben Personen schrien Zetermordio, wurden aus der Wohnung geführt und die Möbelpacker begannen mit ihrer Routine.


Die Personen und die Handlung der Geschichte sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.


Ein Blog-Beitrag zu den abc.etüden zu den Worten „Zetermordio  ::  weichmütig  ::  backen  ::  Lautsprecher :: orange :: erschüttern„: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/01/31/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-05-21-extraetueden/


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Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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15 Antworten zu nedüte.cba | ألمانيا

  1. Kain Schreiber schreibt:

    schwierige geschichte
    ich habe mein „like“ wieder zurückgenommen, obwohl es gut und nahezu neutral geschrieben ist, ist es mir zu….nah an allen vorurteilen und zu explosiv; aber das ist nur mein eindruck. trotzdem danke! auch das ist eine wahrheit.

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    • Danke. Ich verstehe, dass es da Berührungsängste gibt. Berührungen mit einer Realität, die wir nur allzugerne ausblenden möchten. Diese Geschichte steht nicht stellvertretend für all die vielen Menschen aus fernen Ländern, die sich integriert und dabei ihre eigene kulturelle Identität bewahrt haben. Es ist aber auch kein Einzelfall und ein solches asoziales Verhalten zieht sich quer durch alle Bevölkerungsschichten und Herkünfte. Und es ist sicherlich noch eine der harmolseren Geschichten. In vielen Städten Deutschlands gibt es mittlerweile Stadtviertel, in die sich die Polizei zu zweit nicht mehr hineintraut. Ich sehe aber auch deutlich, dass die Alteingesessenen den Hinzugekommenen viel zu wenig die Hand zur Integration reicht.

      Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 06.07.21 | Wortspende von Wortman | Irgendwas ist immer

  3. Katharina schreibt:

    Ich hatte so eine Familie mal neben mir wohnen. Die Nacht vor der Zwangsräumung sind sie heimlich abgehauen. Die Wohnung sah krass aus. Mein Vermieter damals war so schockiert, dass er erstmal Schnaps getrunken hat.
    Ich frage mich, was da schief läuft. Vor allem tun mir die Kinder leid. Der Junge von denen konnte mit etwa 3 noch nicht reden, aber stundenlang wie am Spieß schreien. Anfangs hab ich noch gelacht, weil die Kinder klischeemäßig Kevin und Chantalle hießen. Nach 2 Wochen Terror ist mir das Lachen vergangen.

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    • Danke für deinen Erfahrungsbericht. Das Grundübel heißt Marktwirtschaft ohne die sozialen Rahmenbedingungen, die damals in den 1960er und 1970er Jahren geschaffen und spätestens mit der Regierung Helmut Kohls nach und nach zurückgefahren und abgeschafft wurden. Die größten MIt-Schuldigen an diesem Übel heißen SPD, DIE GRÜNEN, insbesondere Gerhard Schörder, Frank-Walter Steinmeier, Joschka Fischer, Sigmar Gabriel usw usf.; in deren Nachfolge natürlich auch die FDP, CDU und CSU, namentlich Angela Merkel mit ihrer Richtlinienkompetenz (Helmut Kohl hatte es immerhin verstanden, den Bogen nicht zu überspannen.) Die Agenda 2020 ist das größte sozialpolitische Verbrechen der Nachkriegszeit. Wir haben mittlerweile Familien, die in x-ter Generation abhängig von Sozialleistungen (Brosamen) sind. Da wundert es mich nicht, wie es sich entwickelt.
      Und es ist politisch gewollt und wird von den (Nicht-)Wähler*en alle vier Jahre gutgeheißen.

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      • Katharina schreibt:

        Hn, weiß nicht, ob es so einfach ist. Irgendwie schaut ja jeder weg. Zumindest bei den Kindern könnte man ja ansetzen, aber die meisten Institutionen lassen laufen. Es gibt zwar spezielle Programme, aber ich will gar nicht wissen, wieviele die am Ende tatsächlich helfen. 😪

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        • Ja, man könnte. Man tut es aber nicht. Weil man (die politischen Weichensteller) es nicht wollen. Die Jugendämter sind hoffnungslos unterbesetzt und unterfinanziert. Menschen im unteren Bildungsniveau besitzen nicht das Wissen, die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe, die ihnen laut Gesetz zustehen, abzurufen. Wir bräuchten eine Heer an Familenhelfer*en um hilfsbedürftige Familien zu unterstützen. Die Kinder- und Jugendheime wären viel zu klein, um alle Kinder und Jugendlichen in Obhut zu nehmen, die in Obhut genommen werden müssten. Die politisch Verantwortlichen folgen lieber US-Präsidenten und finanzieren deren Eroberungskriege und entwickeln für Milliarden neue Drohen (siehe gestrige/heutige Nachrichten), als dieses Geld in die Entwicklung, die Förderung und den Schutz der Kinder und deren Familien zu stecken.

          Die Programme und Hilfen für entwicklungsverzögerte Kinder, Kinder mit kognitiven Schwierigkeiten, hyperaktive Kinder, Kinder mit einem Aufmerksamkeitsdefizit sind gut, helfen und erreichen nur in gerigem Maße die Zielgruppe.
          Erzieher*/Lehrer* sind in der Regel im Erkennen von Problemen aus verschiedenen Gründen überfordert.

          Das alles wissen die politisch Verantwortlichen seit Jahrzehnten, Kinderärzte und -psychologen machen jährlich darauf aufmerksam. Für die Vielzahl traumatisierter Kinder gibt es keine Therapieplätze und Therapeuten in erreichbarer Nähe der Kinder. Es ändert sich (fast) nichts. Es werden andere Prioritäen gesetzt und somit ist es politisch gewollt.

          Gefällt 2 Personen

  4. Christiane schreibt:

    Ich kann mir vorstellen, dass solche und ähnliche Fälle jeden Tag geschehen. Aber warum war da keine Form von Kommunikation, von Einsicht möglich – und zwar, natürlich, auf beiden Seiten?
    Eine unangenehme Etüde, Bernd, weil sie so vieles berührt, was wehtut.
    Übersetz mir mal die Überschrift, bitte.
    Nachdenkliche Nachtgrüße … ;-)

    Gefällt 4 Personen

    • Alle Kommunikationsbemühungen scheiterten in den 1,5 Jahren vor der ersten Abmahnung. Die Betroffenen verhielten sich so, als lebten sie allein. Andere Mieter des Hauses wurden teilweise mit Worten bedroht. Ereignisse wie „Blutlachen im Treppenhaus und im Hof“ habe ich für die Etüde gar nicht erst aufgegriffen. Die Rechtsanwältin des Vermieters sagte, dass sie so etwas in über 20 Jahren Praxis noch nicht erlebt habe. Bevor es zu einer Zwangsräumung kommt, gehen dem unzählige Schriftsätze voraus. Sie haben keine Anhörung wahrgenommen, sind zu keinem Gerichtstermin erschienen. Und sie hätten einen Rechtsbeistand haben können: der Anwalt der Wahl des Vermieters lehnte das Mandat ab, weil er die andere Partei kenne (Interessenskonflikt). Liebe Grüße, Bernd

      PS: Überschrift: Deutschland =’almania =ألمانيا

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  5. gkazakou schreibt:

    krass. Möchtest du nun einen shitstorm ernten? Oder testen,ob hier Xenophobe vorbeischauen?

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    • Diese Geschichte ist inspiriert von wahren Begebenheiten. – Shitstormer ignorierten die tatsächlichen Verhältnisse.

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      • PS: Deutschlandweit gibt es jährlich über 50.000 Zwangsräumungen.

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        • gkazakou schreibt:

          Das bezweifle ich keineswegs. Dennoch ist deine Erzählung so ganz ohne Relativierung – also ohne Bezug auf Zwangsräumungen anderer und auf Normverhalten der angesprochenen Personengruppen gefährlich, weil die Menschen zur Verallgemeinerung neigen. Du hast ja ausdrücklich den nationalen Hintergrund benannt und damit angedeutet, dass so etwas zu erwarten hat, wer an „solche Leute“ seine Wohnung vermietet. Ich selbst, mit griechischem Mann, war Ende der 60, Anfang der siebziger Jahre bei der Wohnungssuche mit „nicht an Ausländer“-Anzeigen konfrontiert. Wer sich „als Ausländer“ normenkonform verhielt, galt geradezu als Ausnahme. So wie man mir hier in Griechenland oft bescheinigt, ich sei „gar nicht typisch deutsch“, um mir zu sagen, dass ich nicht faschistoid sei.

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          • Für die Verallgemeinerungen anderer Menschen bin ich nicht verantwortlich. Es ist keine ausgedachte Geschichte, sondern zu 90% real. Wäre es eine ausgedachte Geschichte, würde das Nennen von bestimmten Nationalitäten die Geschichte tendenziös machen. Ich bewerte auch nichts in meiner Geschichte. Ich stelle dar, was war. Die Leser*en können durch eigene Kommentare einer möglichen Verallgemeinerung entgegenwirken, indem sie eigene Erfahrungen berichten, so wie Katharina es getan hat. Der durchschnittliche Mensch weiß aus seiner eigenen Lebenserfahrung, dass sich solche Vorkommnisse quer durch alle Bevölkerungsschichten ziehen – alle. Asoziales Verhalten breitet sich gefühlt aus und ist unabhängig von Herkunft, Glauben und Bildung.

            Und diese Wohnung scheint Problem-Mieter geradezu anzuziehen: Mieter deutscher Herkunft, Mieter rumänischer Herkunft und Mieter aus dem arabischen Raum haben ihre miet(vertrags)rechtlichen Verpflichtungen die letzten Jahre nicht erfüllt. Und der lebenserfahrene Vermieter schaut sich die Bewerber vorher sorgfältig an. Die Erfahrung dieses Vermieters ist leider keine Einzelfall mehr, die Fälle bekommen im Laufe der Jahre zunehmend an Bedeutung. Über Miet-Nomaden wurde und wird ausführlich berichtet. Den Vermietern entstehen erhebliche Einnahme-Ausfälle und Schäden. Mich wundert es nicht, dass Vermieter Referenzen, Schufa-Auskünfte, Führungszeugnisse und mehrmonatige Gehalts-Bescheinigungen verlangen.

            Gefällt 2 Personen

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