Narrative, Geschichtenerzähler lenken uns.

» […] Der Historiker Yuval Noah Harari erklärt im t-online-Interview, warum der Menschheit jetzt die totale Überwachung droht.
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Der […] Historiker und Bestsellerautor hält es für denkbar, dass sich die Menschheit angesichts des dramatischen technologischen Fortschritts aufspaltet: in wenige Privilegierte, die alle Reichtümer und Vorteile neuer Technologien nutzen können, und in eine riesige „nutzlose Kaste“ von Menschen, die irgendwann aus dem Lauf der Geschichte verschwindet.
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Historisch betrachtet ist diese Pandemie nicht so gefährlich wie die Seuchen der Vergangenheit. […] Im schlimmsten Fall kollabiert unsere Weltordnung. Oder sie wird zumindest weiter destabilisiert.
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Im schlimmsten Fall werden sich die Menschen in 50 Jahren daran erinnern, dass im Jahr 2020 mithilfe der Digitalisierung die allgegenwärtige Überwachung durch den Staat begann.
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angesichts der Corona-Epidemie könnten auch die liberalen Demokratien ihre Abneigung gegen die Überwachung ihrer Bürger ablegen. Eine 24-Stunden-Kontrolle ist in unserer zunehmend digitalen Welt überhaupt kein Problem mehr. […] ich habe die Befürchtung, dass die totale Kontrolle eine Folge der Corona-Krise werden könnte. Viele Dinge, die im Westen noch vor einem Jahr undenkbar waren, sind durch die Pandemie nun auch dort plötzlich akzeptabel geworden.
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Die totalitäre Versuchung ist in Zeiten von Corona groß.
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Eine ständige biometrische Überwachung der Bevölkerung würde es erlauben, auch andere Gefahren als Covid-19 zu entdecken. Etwa die alljährliche Grippe oder Krebserkrankungen. […] vollständige Überwachung kann eben nicht nur zur Verbesserung der Gesundheitsvorsorge genutzt werden.
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Wir sind heute in der Lage, die perfekte Diktatur zu errichten. Es wäre ein autoritäres Regime, wie es dieser Planet noch nicht gesehen hat. Eine Diktatur, die schlimmer wäre als Nazideutschland oder die Sowjetunion unter Josef Stalin, ist heute denkbar.
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Man braucht keinen Spion mehr auf der Straße, der die Menschen überwacht. Stattdessen gibt es Kameras, Mikrofone oder Sensoren. Die Auswertung der Datenmengen kann eine Künstliche Intelligenz übernehmen, die sogar berechnen kann, wie sich ein Überwachter in Zukunft wahrscheinlich verhalten wird. Zum ersten Mal in der Geschichte ist totale Überwachung möglich. Man kann mehr über die Menschen erfahren, als sie selbst über sich wissen. Das ist die eigentliche Gefahr, die die aktuelle Krise mit sich bringt: Dass die digitale Überwachungstechnologie durch die Gesundheitskrise weltweit legitimiert wird – auch in demokratischen Gesellschaften, die sich zuvor der Überwachung widersetzt haben.
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Wenn die Regierung die Überwachung der Bürger verstärkt, dann müssen folglich die Bürger die Kontrolle der Regierung verschärfen. Alle erhobenen Gesundheitsdaten dürfen also nur jenen Behörden zur Verfügung stehen, die sich der Bekämpfung von Epidemien widmen. Alle anderen dürfen sie weder sehen noch verwenden – sonst ist die Versuchung zu groß, sie auch für andere Zwecke zu nutzen. Die Geschichte der Menschheit hat gezeigt, dass wir Menschen dazu neigen, alles zu tun, was wir tun können.
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Viele Leute halten bis heute die landwirtschaftliche Revolution vor rund 10.000 Jahren, als die Menschen sich von Jägern und Sammlern zu Bauern entwickelten, für eine große Verbesserung. Tatsächlich machte sie das Leben der meisten Menschen viel, viel schlimmer. Das Leben eines durchschnittlichen Bauern im alten Ägypten oder später im mittelalterlichen Deutschland war wesentlich härter als das eines Jägers und Sammlers vor rund 300.000 Jahren. Denn der immense Wohlstand, der durch die Sesshaftwerdung und die Landwirtschaft erarbeitet wurde, kam nur einer winzigen Elite zugute. Die machte es sich in Palästen gemütlich, während der Rest der Menschen darbte und von Krankheiten und Konflikten geplagt wurde.
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Vor 50.000 Jahren gab es neben dem Homo sapiens mindestens fünf weitere menschliche Arten auf der Erde. Als sich unsere Vorfahren aber auf dem Planeten ausbreiteten, verschwanden alle diese anderen Menschenarten. Haben wir sie in der ersten ethnischen Säuberung der Geschichte ausgelöscht? Oder verschwanden sie allmählich, weil der Homo sapiens ihnen überlegen war? […] Heute gibt es eine neue Art von Entität auf der Welt: die Künstliche Intelligenz. Diese KI könnte uns das antun, was wir den Neandertalern angetan haben.
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Die Corona-Krise kann dazu genutzt werden, um Hass zwischen den Staaten zu schüren, wie es beispielsweise US-Präsident Trump tut. Ebenso könnten manche Länder, die früh einen Impfstoff entwickeln, diesen Vorteil nutzen, um politische Dominanz über Staaten aufzubauen, die noch kein Serum besitzen. Andererseits könnte die Krise dazu führen, dass Staaten bei der Bekämpfung des Virus besser kooperieren. Corona hat durchaus das Potenzial, die Welt besser zu machen – wenn wir uns aktiv dafür entscheiden. Es wäre ein Weckruf für die Menschheit, dass Zusammenarbeit allen hilft und wir lernen können, zukünftige Krisen besser zu bewältigen.
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Heutzutage sterben auf dem Globus mehr Menschen, weil sie zu viel essen, als weil sie zu wenig zu essen haben. Es sterben mehr Menschen an ihren Alterserscheinungen als an Infektionskrankheiten. […] Wenn jedes Individuum sich besser verhält, wird auch die Welt besser. Es ist kein Naturgesetz, dass wir uns bekriegen müssen. Wenn es zu Konflikten kommt, dann liegt das einzig und allein an unserem Verhalten – und an der Art und Weise, wie wir Technologie einsetzen.
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Als der Homo sapiens […] vor etwa 15.000 Jahren Amerika erreichte, löste er eine der größten ökologischen Katastrophen der jüngeren Erdgeschichte aus. Es gab damals in Amerika noch eine bemerkenswerte Megafauna: Mammuts, Riesenbiber und allerlei andere Geschöpfe. Die Menschen haben sie alle innerhalb weniger Tausend Jahre ausgerottet. Dasselbe machten sie auf dem australischen Kontinent und auch sonst überall, wohin sie kamen. Der Mensch ist der schlimmste Serienkiller aller Zeiten.
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eine andere menschliche Erfindung war noch wirkungsmächtiger: das Erzählen von Geschichten. Nicht die Neandertaler, nicht die Schimpansen oder andere Spezies kontrollieren diese Welt, sondern wir. Und zwar deshalb, weil wir in viel größerer Zahl zusammenarbeiten können als andere. Aus diesem Grund waren wir in der Lage, Kathedralen zu errichten und Kreuzzüge zu führen. Die Basis für diese Form der Zusammenarbeit sind fiktive Geschichten, und die Religionen sind dafür das beste Beispiel. Sie werden niemals eine Million Schimpansen überzeugen können, gegen andere „böse“ Schimpansen am anderen Ende der Welt in einen Heiligen Krieg zu ziehen – mit der vagen Aussicht, im Fall ihres vorzeitigen Ablebens im Himmel einen Haufen Bananen zu erhalten. Bei uns Menschen ist das anders. Wir erfinden Geschichten, und wir setzen sie ein, um andere Menschen an uns zu binden und von unseren Ideen zu überzeugen.
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In unserer Vergangenheit haben wir alle anderen menschlichen Arten ausgelöscht – und jetzt sind wir sogar dabei, uns selbst zu zerstören.
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Die besten Geschichtenerzähler der Welt sind nicht die Nobelpreisträger für Literatur, sondern die für Wirtschaftswissenschaften. Sie überzeugen Milliarden Menschen auf der ganzen Welt, einen Monat hart zu arbeiten, um am Ende ein paar Zettel in die Hand gedrückt zu bekommen oder ein paar Zahlen auf dem Konto zu haben. Warum tun wir Menschen so etwas Unvernünftiges? Weil wir glauben, was die Banker uns erzählen.
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Verschwörungstheorien suggerieren, dass die ganze Welt von einer kleinen Elite kontrollierbar sei, dabei ist das vollkommen unrealistisch. Schaut man sich die Menschheitsgeschichte an, sieht man deutlich: Selbst die mächtigsten Regierungen sind oft ahnungslos, was geschieht. Sie machen Pläne – aber das genaue Gegenteil tritt ein.
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Die USA behaupteten, der Irak besitze Massenvernichtungswaffen, und griffen ihn an: mit der stärksten Militärmacht der Welt, unterstützt von zahlreichen Geheimdiensten mit modernster Technik, inklusive Satelliten. In Bagdad konnte niemand einen Kaffee auf der Terrasse trinken, ohne dass die CIA das mitbekam. Trotzdem ist der amerikanische Plan, den Irak im westlichen Sinne zu demokratisieren, völlig gescheitert. Zahlreiche amerikanische Soldaten wurden verletzt oder getötet, die Weltmacht USA wurde gedemütigt, und heute kontrolliert ausgerechnet der Iran große Teile des Nachbarlandes. So gesehen war das eine echte historische Verschwörung, die vollkommen scheiterte. Komplexe Machtpläne bleiben selten im Verborgenen, und sie glücken auch nur selten. Jetzt zu glauben, dass ein paar machthungrige Milliardäre mithilfe eines Virus die ganze Welt übernehmen könnten, ist lächerlich. […] «

Marc von Lüpke, Florian Harms, Yuval Noah Harari (Historiker) [1] :: t-online. :: 23.10.2020 :: „Im schlimmsten Fall kollabiert unsere Weltordnung“ :: https://www.t-online.de/nachrichten/wissen/geschichte/id_88582030/harari-zur-pandemie-corona-hat-das-potential-die-welt-besser-zu-machen-.html

[1]: https://de.wikipedia.org/wiki/Yuval_Noah_Harari

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