„Ganze Familien, die sie in die Hölle abgeschoben haben.“ | Hyperhedonie XXVI

» […] Nach dem siegreichen Westfeldzug im Frühjahr 1940 wurde der Norden und Westen Frankreichs von den Deutschen besetzt. Im Süden herrschte die Vichy-Regierung unter Marschall Philippe Pétain. Diese Regierung, der die Polizei von ganz Frankreich unterstand, arbeitete mit den deutschen Besatzern zusammen. Im September 1940 wurde in Paris eine Volkszählung durchgeführt, um die Zahl der Juden (150.000) festzustellen.

Nach gemeinsamer Planung deutscher und französischer Beamter begannen 1942 die Vorbereitungen für eine Massenrazzia in Paris. Es sollten staatenlose und ausländische Juden zwischen 16 und 60 Jahren verhaftet werden. Nur ein Viertel der Juden, die vor Ausbruch des Krieges in Paris lebten, waren in Frankreich geboren worden; die meisten waren Flüchtlinge aus Osteuropa, Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei.

Am 16. und 17. Juli 1942 wurde die Razzia durchgeführt. Viele Männer verließen, durch Gerüchte gewarnt, ihre Wohnungen und tauchten ohne ihre Familien unter, weil sie glaubten, die Verhaftungswelle richte sich in erster Linie nur gegen jüdische Männer. Aus diesem Grund wurden im Verhältnis mehr Frauen und Kinder verschleppt und die Familien wurden durch die Festnahmen oft getrennt. Mehr als 10.000 Juden konnten sich der Festnahme entziehen, weil sie von Polizeibeamten gewarnt worden waren.[1] 13.152 Juden wurden festgenommen. 8160 von ihnen (4115 Kinder, 2916 Frauen und 1129 Männer) wurden in dem Vélodrome unweit des Eiffelturms zusammengepfercht und mussten tagelang dort aushalten. Kinder, die jünger als 16 Jahre alt waren, wollte die Gestapo ursprünglich gar nicht übernehmen; sie wurden ihr von der französischen Verwaltung geradezu aufgedrängt. Mindestens 4.500 französische Polizisten und Gendarmen waren an der Aktion beteiligt. Die Razzia wird als „la grande rafle du Vel’ d’Hiv’“ bezeichnet.

Unter dem Glasdach der Radsporthalle herrschten unerträgliche Temperaturen. Es gab keine Toiletten; Hilfsorganisationen durften nur wenig Nahrung und Wasser auf das Gelände bringen. 30 Menschen starben schon dort. Nach fünf Tagen wurden die Internierten aus dem Vélodrome d’Hiver von französischer Polizei über den Pariser Bahnhof Austerlitz in die Durchgangslager Drancy, Beaune-la-Rolande und Pithiviers (Département Loiret) verbracht. Dort wurden die Kinder von ihren Eltern bzw. Müttern getrennt. Von hier wurden ab dem 19. Juli 1942 zuerst die Erwachsenen mit Viehtransportwagen in das Vernichtungslager KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Etwa einhundert der gefangenen Menschen begingen vor dem Weitertransport Suizid. Die bei der Razzia gefangenen Kinder blieben noch etwa einen Monat in den Lagern. Sie wurden nach Absprachen zwischen Berlin und Vichy erst ab dem 17. August deportiert und ebenfalls in Auschwitz ermordet. Insgesamt wurden während des Zweiten Weltkriegs 73.853 Juden aus Frankreich deportiert, oftmals unter tätiger Mithilfe französischer Amtspersonen; nur etwa 2600 von ihnen überlebten den Holocaust.  […] « [2]

Um einen Eindruck vom Velodrom damals zu den Ereignissen zu bekommen, empfehle ich den Spielfilm „Sarahs Schlüssel“. Die Handlung nimmt dort ihren Ausgang. Es gibt eine Szene im Film, die nichts mit dem Velodrom zu tun hat, die werden sie nicht vergessen: und es ist „nur“ die Spiegelung des Entsetzlichen.

Calogero hat für mein Empfinden einen berührenden Song geschrieben, eine Verbeugung vor der Geschichte dieses Velodroms und im langen instrumentalen Schlussteil hallt das Entsetzen über die Entweihung dieses für die Pariser bedeutenden Ortes wider.

Die Hölle, das sind wir („Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen.„):

https://youtu.be/aQd5jfFutd8

» Sie nannten mich das Wintervelodrom
Ich habe eine Menge Kinder gesehen.
Ich habe Männer, Frauen und Fahrräder gesehen
Auf der Ovalbahn unter meinem Vordach
Ich habe einige harte Kerle gesehen
Ich habe die Boxer gesehen, die Piaf, Yvette Horner

Sie nannten mich das Wintervelodrom
Und von Sommer bis Winter
hatten wir Spaß unter meinem Vordach
Ich war mittendrin im Geschehen
Als wäre es gestern gewesen
Die besten Stunden unter meinem Vordach


Ich bin mir nicht sicher, was ich dagegen tun soll
Es dreht sich alles um das Hurra
Die Armen ganz oben und die Reichen ganz unten
Es gab sogar grünes Gras
Mitten im Geschehen
Und ganz Paris vibrierte in mir

Sie nannten mich das Wintervelodrom
Es war vor dem Krieg
Meine besten Stunden unter dem Vordach
lebendige Erinnerung
Und dann kamen sie
Die Uniformen, die Gewehre

Sie nannten mich das Wintervelodrom
Ich sah einige Kinder
die trotzdem Spaß in den Pfützen hatten
Auf der Ovalbahn unter meinem Vordach
Ich habe ein paar alte Männer gesehen
Sterben wie Hunde auf dem Rücken


Sie nannten mich das Wintervelodrom
Es war mitten im Juli
Sie schlossen sich unter meinem Vordach ein
lebendige Erinnerung
Ganze Familien
Die sie in die Hölle abgeschoben haben
«

https://open.spotify.com/track/6NKDWzxgDmeHcUGma8wYm1?si=doB1eCj3RUqYYygdvLBe-Q

Calogero: Le vélo d’hiver | Album: Liberté Chérie | 25.08.2017


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