Er war der. | Der Dienstag dichtet & abc.etüden

Klassenkeile, schwammig, trödeln | abc.etüden
abc.etüden: Klassenkeile, schwammig, trödeln & Der Dienstag dichtet

Er war der,
der nur Einsen und Zweien schrieb.

Er war der,
dem sie deshalb Klassenkeile androhten.

Er war der,
der sich in Bio besser auskannte als der Lehrer.

Er war der,
den sie deshalb Schlauscheißer nannten.

Er war der,
der rot wurde, wenn ihn ein Mädchen ansah.

Er war der,
der stotterte, wenn er überstimuliert war.

Er war der,
dem regelmäßig Wasser in die Sportschuhe gegegossen wurde.

Er war der,
der noch keinen Flaum auf der Oberlippe hatte.

Er war der,
den sie deshalb Babyface nannten.

Er war der,
den sie in der Pause mieden.

Er war der,
der die Kügelchen im Unterricht an den Kopf bekam.

Er war der,
dem sie das Portemonnaie klauten.

Er war der,
dessen Händedruck schwammig war.

Er war der,
der im Musikunterricht alle Klassiker kannte.

Er war der,
dem sie die Hosen runterzogen und es filmten.

Er war der,
von dem die Lehrer sagten, er sei ein unauffälliger Schüler.

Er war der,
der ein paar Kilo zuviel hatte.

Er war der,
den sie deshalb fette Sau nannten.

Er war der,
der keine Markenklamotten trug.

Er war der,
den sie deshalb fragten, ob wieder Altkleidersammlung war.

Er war der,
dessen Nachbarplatz immer leer blieb.

Er war der,
der sich treppabwärts immer umschaute.

Er war der,
den sie immer schubsten.

Er war der,
dem sie in den Hintern traten und sagten, er solle nicht so trödeln.

Er war der,
der sich niemandem anvertraute.

Er war der,
dessen Foto ein Trauerflor zierte.


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Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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20 Antworten zu Er war der. | Der Dienstag dichtet & abc.etüden

  1. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 12.13.21 | Wortspende von puzzleblume | Irgendwas ist immer

  2. BerlinAutor schreibt:

    Der Text hat gesessen, vor allem weil viel Wahres drinsteckt.
    Ich denke, dass das größte Problem daran ist, dass einer der Starke und Coole ist, dem andere einfach nacheifern. Da sollte wirklich in der Schule selbst mehr aufgeklärt werden mit den Kindern, damit die verstehen, was am anderen Ende passiert, und das nicht im Ansatz witzig ist.

    VG, René

    Gefällt 1 Person

  3. stachelbeermond schreibt:

    Ein erschreckender Text, und wie wohl jeder kann ich mich an Situationen aus der Schulzeit erinnern. Kinder können ganz wunderbar sein, aber auch grausam. Ich wünschte, jedes Mobbing-Opfer bekäme Gerechtigkeit und Freunde.

    Gefällt 2 Personen

    • Danke. Ja, und jedes Mobbing-Opfer würde gesehen werden; vielfach ist es ein stilles Leiden. Teil einer Gerechtigkeit wäre auch ein Opfer-Täter-Ausgleich. Es wäre wichtig, wenn der Täter sich in die Lage des Opfers versetzen und das Opfer das Mitleiden des Täters spüren könnte. Liebe Grüße.

      Gefällt 2 Personen

  4. maribey schreibt:

    Puh, heftig, und in dieser Heftigkeit ein sehr guter wichtiger Text. Der sollte in den Schulbüchern stehen und zu Diskussionen anregen.

    Gefällt 3 Personen

  5. Nati schreibt:

    Heftig, aber gut geschrieben.
    Wer kennt nicht solch eine Person oder hat selbst manche Dinge am eigenen Leib erfahren.

    Gefällt 3 Personen

  6. Pingback: Er war der. | Der Dienstag dichtet & abc.etüden — Red Skies over Paradise – romanticker-carolinecaspar-autorenblog.com

  7. Beim Lesen lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. So viele Menschen quälen sich wirklich durch die Kindheit und manche halten es einfach nicht aus. Sowohl als Mutter als auch Lehrerin habe ich damit Erfahrung, gewöhnen werde ich mich daran nie. Mir selbst passierte das nie oder ich habe es nicht gemerkt, vielleicht auch ignoriert. Aber es gab immer wieder bestimmte Kinder, an denen sich zielgerichtet abreagiert wurde.
    Da sind aber wirklich die Erwachsenen gefragt, die den Kindern richtig zuhören, nachfragen, eingreifen. Wenn ein Kind plötzlich ganz still oder auch aggressiv wird, völlig übermüdet ist, dann stimmt auf einer Ebene etwas nicht. Dann ist Handlungsbedarf. Ich habe mich bemüht, meine Kinder seelisch und auch sprachlich soweit zu stärken, dass sie mit solchen Situationen besser umgehen können, was recht gut gelungen ist. Als Lehrerin habe ich oft eingegriffen und Fragen gestellt: Warum machst du das, bist du so gemein? Was hast du für einen Stress mit….? Was stört dich so an …? usw. und auf einer Antwort bestanden. Das hat vieles entzerrt, einiges bewusst gemacht. Wir haben in unserer Schule das Programm „faustlos“ eingeführt, das u.a. bewirkt, dass die Kinder die eigenen Intentionen hinterfragen und lernen, Konflikte sprachlich zu lösen, nicht eskalieren zu lassen. Durch die zunehmenden Inhalte der Lehrpläne wird es leider nicht mehr so konsequent durchgezogen wie zu Beginn. Manchmal muss man sich über Vorganen hinwegsetzen zum Wohle der Kinder. Es braucht generell m. E. mehr Zeit für Kinder ab von Lehrplänen und Noten.
    Ich möchte diesen wichtigen Beitrag gerne teilen.

    Gefällt 2 Personen

  8. Werner Kastens schreibt:

    Alle Punkte z.T. schon mal miterlebt, an mir selbst und (aber selten) bei der „Exekution“ an anderen.

    Gefällt 3 Personen

  9. Katharina schreibt:

    Traurig und erschütternd. Ich habe ein paar Freunde, die so stark gemobbt wurden, dass sie das bis ins Erwachsenenalter verfolgt hat. Eine Freundin hat das Ganze nur knapp und dank einer äußerst starken Mutter überlebt. Ich finde das Thema vor allem in Zeiten von Social Meda mehr als beängstigend.

    Gefällt 5 Personen

    • Ja. Social Media ist da „nur“ der Katalysator und stellt weitere „Werkzeuge“ fürs Mobbing zur Verfügung. Mobbing gab es schon zu einer Zeit, in der es das Wort noch nicht gab. Ich selbst wurde als Grundschüler von Jugendlichen, die mich auf dem Kieker hatten, entführt und mit verbundenen Augen auf einen alten Friedhof geführt und dort zurückgelassen. Die Anführer der Bande waren Brüder einer Familie, die damals schon als sozial auffällig galten. Ich selbst habe mich als Kind an Mobbing beteiligt, indem wir einem Nachbarn hinterherliefen und ihn wegen seiner Körperfülle hänselten. Aber auch allein mein Nachname genügte Mitschüler*n, mich damit zu hänseln. Wie in einem anderen Kommentar geschrieben: es ist überlebenswichtig, dass Kinder Resilienz erwerben. Viel zu viele Kinder haben mittlerweile Eltern und Groß-Eltern, die selbst nicht mehr resilient sind. LIebe Grüße, Bernd (-:

      Gefällt 5 Personen

  10. Christiane schreibt:

    Jaaaa, Volltreffer, hab mich beim Nicken ertappt. Es muss nicht so kommen, in der Konsequenz, aber alles vorher … 😟
    Gibt es Zahlen, was Suizide unter Schülern angeht, die auf Mobbing zurückgehen, weißt du das? 🤔

    Gefällt 3 Personen

    • Nein, ich glaube nicht, dass die Kriminal-Statistik so spezifiziert ist. Ich nehme aber an, dass die Zahl erheblich ist, sonst würde Mobbing nicht so thematisiert werden, selbst im dörflichen Bereich finden Elternabende (organisiert von den Jugendämtern) dazu statt. Und die Zentren für Kinder- und Jugendpsychiatrie quellen über (natürlich auch für viele andere Themen). Insgesamt erlebe ich die Generationen ab den 1980er Jahren als sehr wenig resilient, was die Pandemie aktuell sichtbar macht. Exkurs: den Kindern hilft nicht Präsenz-Unterricht, der das zudeckt, sondern konkrete Hilfsangebote, Resilienz zu erwerben.

      Gefällt 4 Personen

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