Un-/Glück. | abc.etüden

Dackelfalten, fruchtig, scheppern | abc.etüden
Dackelfalten, fruchtig, scheppern | abc.etüden

Ihr Garten war aus kindlicher Sicht ein kleiner Park.

Die hohe, efeuberankte Mauer machte den Garten von außen uneinsehbar. Rundherum gab es Beete mit Blumen, Farnen und Obstbäumen. Dreimal waren die Beete unterbrochen: für ein Atelier, ein Naturbadebecken und eine Gartenlaube. Es gab zwei Rasenflächen, jeweils in der Mitte vorne und hinten. Den vorderen Rasen dominierte eine uralte, riesige Schwarzkirche, die jährlich reichlich Früchte trug. Der Rasen hinten war ein Zierrasen. Zwischen den Beeten und den Rasenflächen, und zwischen den Rasenflächen selbst führten ca. eineinhalb Meter breite Wege. Die Beete und die Rasenflächen waren eingefasst durch handballgroßes Tuffgestein. Hinten, zwischen, links der Gartenlaube und rechts dem Naturbadebecken, standen die Gartenmöbel, mit Kunststoffseilen bunt bespannt.

In der kühlen und schattigen Morgenfrische hatten Oma und Enkel noch gemeinsam die Rasen gemäht, mit einem Handrasenmäher mit rotierenden Messern, das Schnittgras flog in hohem Bogen durch die Luft und wurde später sorgfältig aufgerecht. Während die Oma das Mittagessen kochte, entfernte der Enkel das Unkraut und manches Blümchen aus den Beeten. Nachmittags gab es Kuchen und Kaffee aus der dunkel-violetten Thermoskanne. Unbeschreiblich, wie der Duft des heißen Kaffees sich mit dem kühlen Geruch der Farne vermischte. Später durfte der Enkel Rasen und Beete mit dem Gartenschlauch großzügig wässern, immer wieder spritzte er dabei sich und die Oma nass; beide quietschten vor Vergnügen. Der Enkel sog den fruchtigen Duft der überreifen Pfirsiche in seine Nase, morgen wollten sie die Früchte ernten.

Plötzlich schepperte es gewaltig von der vielbefahrenen Straße her. Die Oma hieß den Enkel im Garten zu bleiben, verließ den Garten und rannte an die Straße. Nach ein paar Minuten kam sie kreidebleich und mit von tiefen Dackelfalten zerfurchter Stirn zurück. Es hatte einen Autounfall mit einem Kind auf einem Dreirad gegeben, das Kind liege leblos auf der Straße.

Schweigend machten sie den Garten nachtfertig.


Die Personen und die Handlung der Geschichte sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.



Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/03/21/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-12-13-21-wortspende-von-puzzleblume/  |  Christiane  |  abc.etüden



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Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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12 Antworten zu Un-/Glück. | abc.etüden

  1. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 14.15.21 | Wortspende von Ludwig Zeidler und Irgendwas ist immer | Irgendwas ist immer

  2. puzzleblume schreibt:

    Die ausführlich beschriebene Idylle bereitet den Leser nicht vor auf das plötzliche Eindringen der Aussenwelt durch den Unfall. Mein Gedanke war, dass die Grossmutter zu der Szene auf der Strasse hinzukam, als schon kein Handlungsbedarf für sie mehr war, und es spricht – nach meinem Empfinden – sehr für die alte Dame, dass sie mitsamt dem Enkel dann auch im hinteren Garten bleibt, statt sich dem vermutlich allzu vielen Betroffenheits- und Sensationspublikum zuzugesellen. Ich schliesse das Lesen eher mit einer Anmutung von unausgesprochener Dankbarkeit für die Unversehrtheit des im Garten spielenden Enkels ab, ein Luxus, der nicht jeder Familie zur Verfügung steht.

    Gefällt 1 Person

  3. Christiane schreibt:

    Was mich erschüttert, ist, dass du keinerlei Hinweis darauf gibst, dass die Großmutter dem Verunglückten hilft, dass sie irgendetwas tut, außer die Stirn zu runzeln.
    Sehr bezeichnend.
    Sehr schockierend.
    Mag deine Art der Kritik. 👍
    (Off topic, immer noch: Ich vermute, dass du alte Musikbeiträge recycelst. Bei denen hattest du scheinbar die Kommentare deaktiviert, Santana und Queen gehörten auch dazu.)
    Morgenkaffeegrüße (fühlt sich immer noch so an) 😁🌞☕🥐👍

    Gefällt 1 Person

    • Das finde ich an begrenzten Geschichten so schön, dass sie Interpretationsspielraum lassen. Ich stelle mir vor, dass die Oma hinausläuft und sich bereits eine Menschenmenge versammelt hat; es gab für sie nichts mehr zu tun, gaffen wollte sie nicht und vor allem verhindern, dass der Enkel ihr neugierig hinterherkommt und schockiert wird. Sie könnte aber auch völlig geschockt sein und in ihrem Schockzustand nicht in der Lage sein, das Erforderliche unverzüglich zu tun und kehrt als Übersprungshandlung in ihren Garten zurück. Oder sie gehört zu dem Typ Menschen, der sich sagt, was geht es mich an.

      Die Kommentarfunktion ist wieder eingeschaltet. „Somebody to love“ war mit abgeschalteter Kommentarfunktion recycelt und Santana war eine Kopie davon (das ist u.a. das Schöne am neuen Editor, dass man Beiträge kopieren, verändern und als neuen Beitrag veröffentlichen kann). Ich werde ein Auge darauf haben.

      Ja, Kaffee ist gerade erst ausgetrunken. Danke. Liebe Grüße, Bernd

      Gefällt 1 Person

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