Der Mensch beweise, dass er gar nicht in der Lage sei, Gott zu spielen.

» […] Jedes Bild ist ihm gut genug, meint Philip Gröning, der ein paar tausend Bilder aus den sozialen Netzwerken gesammelt hat. Diese Bilder hat er einer Künstlichen Intelligenz gegeben. Und die hat daraus neue, nie gesehene Räume konstruiert.
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Was sieht die Kamera, was mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist? Wo beginnt eigentlich die Fiktion, wenn doch die wirklichen Körper und die wirklichen Stimmen in wirklichen Räumen das Material des Kinos sind? Und zeigt sich die Kunst des Inszenierens wirklich darin, dass der Regisseur nach totaler Kontrolle strebt – oder geht es im Gegenteil darum, die Dinge geschehen und die Konflikte eskalieren zu lassen, während die Kamera läuft?
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Welche Möglichkeiten sich aber mit der unfassbaren Rechenleistung und Lernfähigkeit einer Künstlichen Intelligenz eröffnen, für eine Sparte, die Kunst ist und Nichtkunst zugleich – und so neu, dass sie noch keinen Namen hat: Das zeigt Grönings Projekt „Phantom Oktoberfest – Oktoberfest Phantom“ […]. Gröning hat Tausende Bilder vom Münchner Oktoberfest aus den sozialen Netzwerken herauskopiert, aus den geläufigen, aber auch aus chinesischen und russischen; und die Künstliche Intelligenz hat daraus das Innere einiger Festzelte konstruiert.
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So formt das Programm gewissermaßen ein Bild der Masse, ein weiches, amorphes, rosafarben schillerndes Ding, dem man nicht zu nahekommen darf, sonst sieht man nur noch Punkte, Kreise, keine Kontur: den visuellen Mittelwert des Rausches, des Glücks, der Entgrenzung der vielen. Scharf und plastisch sind nur die unbelebten und die unbewegten Dinge, die Säulen, Schilder, Leuchter. Und da, wo keine Kamera hingeschaut hat, wo nichts war, das für die Erinnerung gerettet, für die Follower gepostet werden musste, da ist der Raum nur leer und schwarz. Wer sich da hineinbewegt und sich irgendwann umdreht, sieht das Bierzelt der Erinnerung, diesen Raum zweiter Ordnung, aus der Entfernung flimmern und glitzern wie einen bunten Sternennebel in einem Weltraumfilm.
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Der Mensch, wenn er mit Hilfe der besten Computer jedes nur denkbare Bild, jeden imaginierten Schauplatz bauen kann, beweist dabei, dass er gar nicht in der Lage ist, Gott zu spielen. Er imitiert ihn nur, und er imitiert ihn schlecht. Diesen Bildern fehlt das Unberechenbare, das Unbeherrschte und Unverstandene. Und es fehlen der Widerstand des Materials, der Eigensinn der Objekte, die Sperrigkeit des Vorgefundenen, gegen welches die Kunst des Erfindens und Inszenierens sich behaupten könnte.
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Jedes Foto für sich mag von den Vorlieben und dem Geschmack des Fotografen zeugen; aber wenn tausend Fotos und Videos von der Künstlichen Intelligenz verarbeitet werden, dann entsteht etwas, das nicht real ist und auch nicht ausgedacht, ein Massenselbstporträt gewissermaßen, das mit bloßem Auge nicht zu erkennen wäre.
Man wünscht sich, dass Grönings Projekt nur der Anfang wäre. Dass es weiterginge mit dieser Inversion fotografischer Bilder. Dass es so normal wie ein Kinobesuch wäre, durch solche Räume zu spazieren. Wenn man Glück hat, begegnet man dort sich selbst.
[…] «

Claudius Seidl  ::  Frankfurter Allgemeine Zeitung  ::  16.10.2020  ::  Kino und KI: Die Bilder und ihr Gegenteil  ::  https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/philip-groenings-phantom-oktoberfest-oktoberfest-phantom-16994285.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2


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Über Red Skies Over Paradise

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2 Antworten zu Der Mensch beweise, dass er gar nicht in der Lage sei, Gott zu spielen.

  1. Ulli schreibt:

    Sehr spannend. Danke dir und herzliche Abendgruesse,
    Ulli

    Gefällt 1 Person

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