Die Eingrenzung der Klimakatastrophe beginnt im eigenen Garten.

» […] Viele reden von Klima- und Umweltschutz – doch die meisten heimischen Gärten wie öffentlichen Parks zeigen, wie sehr sich die Menschen von der Natur entfremdet haben
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ein Blick in beliebige Wohnsiedlungen dieser Republik zeigt, wie es um dieses Naturbewusstsein steht, sobald jemand frei herrschen darf.
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CO2-Reduktion, Artenerhalt, Naturbewahrung – es geht stets darum, den immensen, wirkmächtigen, zu seiner Biomasse weit überproportionalen Eingriff des Menschen in Natursysteme deutlich zu verringern. […] das Tempo [steigt], in dem dieser Planet – auch für uns selbst existenziell – verändert wird.
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man wird kaum einen Quadratmeter erspähen, der nicht dem Menschen untertan gemacht wurde. Überall sind Neubaugebiete entstanden, nicht weil die Bevölkerung gewachsen ist, sondern weil der Traum vom Eigenheim und damit ein Arbeitsleben für die Bank zum kapitalistischen Ethos gehört.
Überall entstehen Gewerbeflächen – hässliche Flachbauten, asphaltiertes Außengelände, eigene Zufahrten mit Beleuchtung […] jedes verkaufte Fleckchen Erde bringt jemandem Geld, und jede noch so dämliche Unternehmung lässt Kommunen auf Gewerbesteuer hoffen.
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Die Wiesen und Felder sind eintönig, auch ohne Kenntnisse der Botanik als Monokulturen zu erkennen, denen die Artenvielfalt mechanisch und chemisch ausgetrieben wurde.

Dazwischen immer wieder Bautätigkeit für neue Straßen, Brücken, Kanäle, für neue Kabel und Pipelines und weiß der Kuckuck was alles. Wo gerade kein Bagger baggert, stehen wenigstens schon Markierungen für die Zukunft.
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Schon vor Jahrzehnten gab es eine kleine Bewegung für Naturgärten, für den biologischen Anbau von Obst und Gemüse sowie „wilde Ecken“ für eine bunte Fauna. […] Es dominiert allüberall der Wettstreit um das sterilste Terrain mit der Pflichtdisziplin „Englischer Rasen“: kein Gänseblümchen darf sich breitmachen in diesen Bonsai-Getreidefeldern. Wer sich nicht freiwillig der Gartenzwergarmee anschließt, wird von den Nachbarn eingereiht.
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Wo und von was sollten denn Insekten leben, die Pflanzensamen verbreiten (Zoochorie) und Vögeln wie Kleinsäugern als Nahrung dienen? […] Selbst im ein oder anderen Sterilgarten steht ein asiatischer Schmetterlingsstrauch (Buddleja davidii). Schmetterlinge sind allerdings die längste Zeit ihres Lebens Raupen, und als diese werden sie tatkräftig bekämpft, am effektivsten, indem Falter in unseren durchgekärcherten Gärten einfach keine geeigneten Futterpflanzen mehr finden, an denen sie ihre Eier ablegen könnten.
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Beispiel Eckernförde: Wiesen dürfen wachsen, Rabatten werden mit ausdauernden, einheimischen Pflanzen besetzt, pflegeintensive Rosenbeete wurden durch „Blüten-Dünen mit Seegras-Unterlage“ ersetzt – passend zum nahen Ostseestrand.
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„Ohne begleitende Öffentlichkeitsarbeit hat Renaturierung wenig Erfolg“
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Kurz gehaltener Rasen ist nur dort sinnvoll, wo er stark vom Menschen strapaziert werden soll, etwa als explizite und viel genutzte Liegewiese. […] Ansonsten aber bilden sich Pflanzengesellschaften heraus, die mit den Gegebenheiten zurechtkommen – und weisen in jedem Fall mehr Biodiversität auf als der Englische Rasen.

Selbst der nur zeitweise Verzicht auf den Schnitt erhöht schon den ökologischen Wert. Es ist mehr als unsinnig, etwa die Grünflächen von Schulen während der Sommerferien zu mähen, anstatt hier mindestens zwei Monate zu pausieren.
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Ein anderer nicht zu unterschätzender Beitrag für die Lebensräume Garten und Park ist der Verzicht aufs herbstliche Laubrechen, Wege ausgenommen.
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Die Autorin zahlreicher Ratgeber für Naturgärten wirbt im Gespräch mit Telepolis auch dafür, Totholz liegen zu lassen.
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Derzeit werden jeden Tag 62 Hektar Land neu bebaut – ein Ende des Flächenfraßes ist weder in Sicht noch theoretisch geplant.
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Wiesen waren […] nie geschützte, unberührte Flächen, sondern sie wurden extensiv genutzt – bis der Mensch Techniken zur Intensivnutzung entwickelte und damit eine kolossale Verarmung herbeiführte.

Zahlreiche Untersuchungen zeigen einen signifikant höheren Artenreichtum auf zweischürigen Wiesen gegenüber ständig kurz gemähten. Auf einer naturnahen Wiese kommen etwa 50 Pflanzenarten auf 25 qm vor, auf intensiv genutzten sind es meist 70% weniger. Für viele Insekten konnte eine direkte Korrelation in der Vielfalt der Pflanzenarten zu den Tierarten nachgewiesen werden.

Lässt man einen bisher steril kurz gehaltenen Rasen wieder in die Höhe wachsen, kommen nach und nach über die Samenverbreitung von Wind und Tieren weitere Pflanzenarten hinzu. Eine naturnahe Wiese wird nur ein- bis zweimal im Jahr gemäht, und zwar am besten stückweise, so dass Flächen verschiedener Wachstumsstufen beieinander liegen („Mosaikmahd“). Dadurch kommen möglichst viele Pflanzenarten bis zur Samenreife, und der Wechsel von hohen und niedrigen Gräsern und Kräutern bietet einen optimal strukturierten Lebensraum selbst im kleinsten Garten.
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sportive Menschen [nehmen] die Herausforderung einer Sense an. Sie verlangt einige Übung, doch dann ist Sensen ein geradezu meditativer Vorgang. Praktiker wie Ulrike Aufderheide raten bei kleinen Flächen zur Sichel, mit der die Pflanzen eher wie mit einem Buschmesser abgehackt werden, was statt Übung nur etwas Kraft erfordert.

Der Wiesenschnitt sollte zunächst auf der Wiese bleiben und zum Trocknen mehrmals gewendet werden, damit die Samen abfallen. Über das fertige Bio-Heu freuen sich Meerschweinchen, Hasen, Hühner, Schweine oder was man sonst in der Nachbarschaft hat. Wenn es keine Abnehmer gibt, bildet es, am besten zusammen mit Ästen, in einer Gartenecke ein eigenes Mini-Biotop (wohingegen das klassische Schnittgut vom Englischen Rasen nutzlose und unschöne Schimmelhaufen ergibt).
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Timo Rieg  ::  Telepolis  ::  14.06.2019  ::  Kurzgeschorene Rasen müssen peinlich werden  ::  https://www.heise.de/tp/features/Kurzgeschorene-Rasen-muessen-peinlich-werden-4443351.html?seite=all


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6 Antworten zu Die Eingrenzung der Klimakatastrophe beginnt im eigenen Garten.

  1. kopfundgestalt schreibt:

    Viel gelesen, manche Bestätigung.
    Ein Hotelier mir gegenüber hat Bäume aller Art und eine naturbelasene wiese. Totholz liegt unweit der Wiese. Ein ehemaliger Tennisplatz ist schon fast von der Natur zurückgeholt.
    Fotografisch ist für mich einiges los dort.
    Hoffentlich bleibt es so.
    300 m weiter hat ein Mann ein halbrundes Grundstück gekauft inmitten einer siedlung, auf dem es bald kräftig blühen wird. Man kann auf sternförmigen pfaden durchlaufen.
    Letztes Jahr konnte ich da eine wunderbare goldwespe fotografieren.

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  2. Wortverloren schreibt:

    Du hast so Recht! Wir pflanzen nur einheimische Pflanzen und Wildwiese für Insekten. Und regelmäßig stehen hier die Nachbarn vor der Tür und fordern uns auf, den Garten ORDENTLICH zu machen und zu mähen.

    Gefällt 1 Person

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