„… brillanten Denkkosmos, den Katharina Pistor in ihrem wegweisenden und bei aller Komplexität auch für Fachfremde verständlich geschriebenen Buch spannt.“

Caspar Dohmen, Katharina Pistor :: Deutschlandfunk Andruck – Das Magazin für Politische Literatur :: 14.12.2020 :: Reichtum und Recht: Juristin Katharina Pistor erklärt den Code des Kapitals

» […] Die renommierte Privatrechtsexpertin Katharina Pistor geht in „Der Code des Kapitals“ der Frage nach, wie Reichtum entsteht. Dabei kommt sie zu dem Schluss: Das Privatrecht ist nicht nur ein mächtiges Werkzeug für die Ordnung des Sozialen, es spielt auch bei der Entstehung von Kapital eine zentrale Rolle.
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„Je mehr ich las, desto stärker war ich davon überzeugt, dass das, was mit einer Untersuchung des globalen Finanzsektors begonnen hatte, mich zum Quell des Reichtums geführt hatte: der Herstellung des Kapitals.“
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Das Recht – prinzipiell ein „mächtiges Werkzeug für die Ordnung des Sozialen“ sei „fest in den Dienst des Kapitals gestellt“, schreibt die renommierte Privatrechtsexpertin, die an der Law School der Columbia University in New York lehrt.
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„Nicht ein physischer Produktionsprozess, sondern die rechtliche Codierung ist das Entscheidende. […] Kapital ist, kurz gesagt eine rechtliche Qualität, die hilft, Vermögen zu schaffen und zu schützen.“
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„Sobald wir erkennen, dass das Kapital seine vermögensbildende Fähigkeit seiner rechtlichen Codierung verdankt, können wir auch sehen, dass im Prinzip jedes Gut in Kapital verwandelt werden kann. In diesem Sinne gibt es am ‚neuen Kapitalismus‘ nichts Neues. Das sich verändernde Gesicht des Kapitalismus einschließlich seiner jüngsten Hinwendung zur ‚Finanzialisierung‘, lässt sich damit erklären, dass alle Codierungstechniken von realen Gütern, wie etwa dem Landbesitz, zu dem übergegangen sind, was die Ökonomen gerne als rechtliche Fiktionen bezeichnen: Vermögenswerte, die durch Unternehmens- oder Trust-Schleier geschützt sind, und immaterielle Vermögenswerte, die im Recht geschaffen werden.“
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Die Autorin macht dem Leser begreiflich, welch zentrale Rolle die Anwälte dort bei der Schaffung von Privatrecht innehaben. Diese Möglichkeiten nutzt die Anwaltsindustrie bis heute im Sinne ihrer Mandanten. Sie forme – so Pistor – ständig „neue Rechte“, wofür sie auch keine Erlaubnis brauche.
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In der Praxis bedienen sich die Kapitalisten und deren Anwälte heute vor allem zwei Rechtsordnungen des Common Law: dem englischen Recht und dem Recht des US-Bundesstaates New York.
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„Es ist möglich, Güter in den Modulen des einen Rechtssystems zu codieren und sie dennoch von den Gerichten und Regulierungsbehörden eines anderen Landes anerkennen zu lassen und ihnen Geltung zu verschaffen. Auf diese Weise kann eine einzige nationale Rechtsordnung den weltweiten Kapitalismus aufrechterhalten.“
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„Deshalb haben sie auch zunehmend darauf gedrängt, juristische Streitigkeiten außergerichtlich beizulegen oder der Schiedsgerichtsbarkeit dem offiziellen Verfahrensweg den Vorzug zu geben. Doch auch das bringt die Anwälte in eine eigenartige und potenziell recht angreifbare Lage: Sie sind auf die Autorität des staatliche Rechts angewiesen, meiden aber die Gerichte, die traditionellen Hüter des Rechts, aus Angst davor, dass diese sich in ihre Codierungsbemühungen einmischen könnten.“
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Lässt sich das Kapital überhaupt noch gesellschaftlich einbinden?

Ist ein neuer Gesellschaftsvertrag zwischen Kapital und Gesellschaft möglich?

Nur, wenn es eine „wohlgeordnete Gesellschaft“ gebe, […] die dem „Kapital eventuell die Stirn bieten könnte“ und ein Interesse des „vagabundierendes Kapitals“ an einem Deal mit der Gesellschaft.
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Staaten sollten etwa künftig generell von einer Vorzugsbehandlung des Kapitals absehen, den Akteuren die Wahl der Rechtsordnung für die eigenen Interessen erschweren oder frühere Begrenzungen der Kapitalcodierung wiederbeleben. Staaten könnten etwa verbieten, dass spekulative Verträge vor Gericht durchgesetzt werden können. Es geht um immens viel und es ist keineswegs sicher, dass die Einhegung des Kapitals gelingt.
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„Wenn sich diese Tendenzen fortsetzen, wird die reine Macht wieder die Herrschaft über die Rechtsordnung innehaben, so wie sie es über den größten Teil der Menschheitsgeschichte hinweg auch schon tat – und damit wird es uns allen schlechter gehen.“
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Caspar Dohmen, Katharina Pistor  ::  Deutschlandfunk Andruck – Das Magazin für Politische Literatur  ::  14.12.2020  ::  Reichtum und Recht: Juristin Katharina Pistor erklärt den Code des Kapitals  ::  https://www.deutschlandfunk.de/reichtum-und-recht-juristin-katharina-pistor-erklaert-den.1310.de.html?dram:article_id=489229


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Eine Antwort zu „… brillanten Denkkosmos, den Katharina Pistor in ihrem wegweisenden und bei aller Komplexität auch für Fachfremde verständlich geschriebenen Buch spannt.“

  1. tomfmr schreibt:

    Die meisten Leute beeindruckt vor allem die Menge an Kapital, die einige Wenige besitzen. Gerne werden Prozente Besitzanteil und Bevölkerungsanteil verglichen. Die Frage, wie es aber dazu kommt, wäre wohl interessanter. Dieser Beitrag hier zeigt jenseits der alten Mehrwerttheorie, dass es vor allem eine Frage der Rechtsanwendung und letztlich der Macht ist, wie sich solche Verteilungen ergeben. Betrachtet man die Dinge von dieser Seite, dann ist nicht nur Kapital ein komplexes Rechtsgut, das sich bei guter „Pflege“ selbst vermehrt, sondern auch schon ein simpler Geldschein ist so etwas wie ein „Recht auf Konsum“. Um eine gerechtere Gesellschaft zu erreichen, müsste unter anderem auch das Recht derjenigen begrenzt werden, die aus jedem Krempel Kapital zu basteln im Stande sind. Man müsste das schwer zu durchblickende private Finanzrecht entsprechend umkrempeln und reglementieren…

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