„Woher, mit einem Wort, die Unerbittlichkeit?“

„Ein gebildeter Mensch ist ein Mensch, der mit den Gedanken des anderen mitgehen kann.“

Hans-Georg Gadamer, Philosoph (1900-2002)

» […] warum war und ist eigentlich kein Gespräch miteinander möglich?

Woher der unbedingte Wille, eine kontroverse Debatte zu vermeiden und die strikte Weigerung, bestehende Annahmen in Frage zu stellen?
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Die Radikalität, ja Brutalität von Medien und Politik im Umgang mit Kritikern der Regierungsbeschlüsse gibt der Vermutung Raum, dass hier vielleicht nicht nur die offen vorgetragenen rationalen Motive wirken, sondern auch Angst eine Rolle spielt.

Die in diesem Text aufgestellte These lautet, dass der Hass auf die Querdenker – und überhaupt auf das „quer denken“ – sich […] speist […] auch aus der Angst vor dem eigenen Irrtum.
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So […] erscheint die Angst vor dem Irrtum in der Corona-Krise nur als spezielle Spielart einer sich generell ausbreitenden Härte, Gereiztheit und Diskussionsverweigerung, die auch bei vielen anderen Themen zu beobachten ist.

Diese allgemeine gesellschaftliche Überspanntheit könnte man als psychische Entsprechung eines aus dem Ruder laufenden, bis zum Zerreißen gespannten ökonomischen Systems betrachten, das an den Nerven aller darin Eingewobenen immer unnachgiebiger und brutaler zerrt.
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Dass ein Journalist oder Politiker diese Frage [ob diese Demonstranten vielleicht vernünftige Argumente haben könnten] in seinem Inneren zulassen kann, dass er oder sie in der Lage ist, darüber nachzudenken, und damit diese Angst vor dem eigenen Irrtum ins Bewusstsein treten zu lassen, ist ein wesentlicher Schlüssel zur Überwindung der gesellschaftlichen Spaltung.
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Wer auf der Grundlage der offiziellen Gefahreneinschätzung über Monate hinweg immer wieder erklärt, dass Regierungskritiker „Spinner“ seien, da sie die Gefahr eben verharmlosten, der besitzt selbstverständlich kaum noch innere Motivation, diese Gefahreneinschätzung kritisch zu überprüfen und gegebenenfalls zu revidieren. […] Es liegt eine immense Bedrohung im Hinterfragen, da das Eingeständnis eines eventuellen Irrtums inzwischen mit dem Eingeständnis der Mitschuld an dem millionenfachen Leid verbunden ist – eine unfassbare Last.
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Man versichert sich immer wieder aufs Neue der Richtigkeit der eigenen Warnungen. Über jede Studie, die das bestätigt, wird prominent berichtet, jede anderslautende Studie als „Verharmlosung“ kritisiert oder beschwiegen.
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Medien wie Politik wähnen sich in einer Art Krieg – gegen das Virus, gegen Andersdenkende – und können folgerichtig auch nur noch in einer binären Kriegslogik handeln: Aufgeben oder so lange eskalieren, bis der Gegner vernichtet ist, bis alle einer Meinung sind und die Möglichkeit des eigenen Irrtums damit scheinbar verschwunden.
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wenn mehr Menschen in Politik und Medien es zulassen, die Möglichkeit des eigenen Irrtums zumindest zu erwägen – und damit auch die Angst vor der eigenen Mitschuld als zutiefst verunsichernde Emotion in all ihrer Bedrohlichkeit zuzulassen. Das wäre ein Weg, der von der Spaltung wegführt, der Dialog über den Graben hinweg ermöglicht – und damit auch gesellschaftlichen Frieden.
[…] «

PAUL SCHREYER  ::  multipolar  ::  29.03.2021  ::  Die Angst vor dem eigenen Irrtum  ::  https://multipolar-magazin.de/artikel/angst-vor-dem-irrtum

„Gebildet sei, […] wer „seine Selbstliebe überwinden“ könne, „sodass er hört, was der andere sagen will.““

Hans-Georg Gadamer, Philosoph (1900-2002)

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4 Antworten zu „Woher, mit einem Wort, die Unerbittlichkeit?“

  1. gkazakou schreibt:

    Die Argumentation leuchtet mir ein, soweit die Bevölkerungsmehrheit betroffen ist. Dass sich da nun Risse bilden, zeigt die breite Akzeptanz der Schauspieleraktion.
    Bei den Regierenden vermute ich nicht, dass sie aus angstgetriebener Rechthaberei jede Diskussion ablehnen. Da ist es von Anfang an Programm. Einstimmung in den „Geist von Davos“.
    Man kann im übrigen nicht beides haben: eine von oben verordnete Abwürgungspolitik der bürgerlichen Freiheiten und eine offene Debattenkultur. Würde man den Bürger für mündig halten und entsprechend behandeln, gäbe es die verordneten Maßnahmen ja gar nicht.

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  2. nandalya schreibt:

    Die Lage in Deutschland erinnert stark an das vor dem Untergang stehende Nazi-Regime. Es ist aber müßig darüber zu spekulieren, ob die Regierung lediglich einen Fehler machte und eine verbohrte Kanzlerin nun nicht mehr den Ausgang aus der „Krise“ findet, oder ob Corona lediglich als Mittel zum Zweck benutzt wird. Beides ist im höchsten Maß verwerflich.

    Diese Frau, diese ganze Regierung, muss weg. Das WIE wird das Problem werden. Wahlen werden nichts verändern. Auch keine Umfragewerte. Bisher ging ich nämlich davon aus, dass die Kanzlerin bei Umfragewerten unter 30% die politische Notbremse zieht. Offenbar habe ich mich geirrt. Die CDU/CSU liegt aktuell bei den verschiedenen Instituten zwischen 23 – 27%

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    • Die Bundesregierung geht fest davon aus, dass bis zu den Wahlen die Menschen geimpft, die Beschränkungen aufgehoben sind und es ein Leben gibt, das an die Vor-Corona-Zeit erinnert. Spekuliert wird auf die Vergesslichkeit der Wähler*, und deren Erleichtertsein wird die CDU/CSU wieder ein gewohntes Wahlergebnis bescheren. Das war auch der Grund für Laschets Wahl zum Spitzenkandidaten. Söder hätten sie nominiert, wenn sie erwartet hätten, dass es zur Bundestagswahl immer noch Grundrechtseinschränkungen gäbe.

      Die Wähler* sehen das nicht so, dass die aktuelle Politik, die eine Fortsetzung der Politik seit 1983 ist, dass diese Politik weg muss. Das sieht nur eine Minderheit, zu der wir gehören, so. Und das ist der Unterschied zwischen einer Diktatur und einer Demokratie: in der Diktatur kann das Volk mit den Fingern auf die Herrschenden zeigen, wenn es schiefgeht, in der Demokratie müssen sie sich vor sich selbst und ihren Kindern und Kindeskindern rechtfertigen, denn sie, als Souverän, haben es so gewählt und gewollt.

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      • nandalya schreibt:

        Deutschland hatte und hat keine Demokratie. Aber lassen wir das. Ich bin sehr skeptisch, kann mich natürlich irren, was eine Normalisierung des Lebens in Deutschland betrifft, wenn die Grünen mit in der Regierung sitzen. Ein (amerikanischer) Politikwissenschaftler war allerdings schon vor mehr als einem Jahr der Meinung, dass der Hype um die Partei künstlich ist und sie schließlich entsorgt werden soll. Möglich wäre das, wenn dann die CDU wieder fest im Sattel sitzt.

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