Brotzeit. | abc.etüden

Nein, Anni war schon lange nicht mehr glücklich in diesem zwanzigsten Jahr nach Kriegsende.
Dass der Krieg sie und ihren geliebten Mann mit 40 getrennt hatte, damit hatte sie sich abgefunden. –


Sie lebte im dritten Stock unter dem Dach in kleinen, bescheidenen Zimmern: Wohnzimmer, Kinderzimmer, Schlafzimmer und Küche.
Kein Badezimmer, ein zusätzliches Waschbecken in der Küche, und einmal wöchentlich ein Bad in der Badeanstalt.
Zur Toilette ging es in die Zwischenetage von Erdgeschoß und erstem Stockwerk.


Annis Tochter war seit sieben Jahren aus dem Haus, Bett und Tisch teilte sie mit ihrer blinden, über achtzigjährigen Mutter Martha.
Martha hatte seit Jahren die Wohnung nicht mehr verlassen, sie war schlecht zu Fuß, des Gewichtes wegen; ihr Gedächtnis verließ sie mehr und mehr. –


Als Anni an diesem Abend vom Nähen für die Arbeiterwohlfahrt nach Hause kam, hörte sie schon an der Haustür Marthas lauten Husten; sie eilte treppauf, beißender Gestank und Rauch schlugen ihr entgegen.
Martha wollte sich Spiegeleier zum Brot braten, und anstatt der Eier legte sie den Spüllappen in die Pfanne. –


Es dauerte noch drei Jahre, bis Martha starb, Anni nun allein in ihrer Wohnung lebte und die Vereinsamung fürchtete – was sie da noch nicht wissen konnte, war, dass ihr erstgeborener Enkel Jochen im Jahr nach Marthas Tod eine Märklin-Eisenbahn in Annis leerstehendes Kinderzimmer aufgebaut erhielt, und von nun an für viele Jahre ihr regelmäßiger Gast wurde und ihr Leben aufheiterte.


Pfanne, glücklich, trennen | abc.etüden
Pfanne, glücklich, trennen | abc.etüden

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/04/18/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-16-17-21-wortspende-von-doroart/  |  Christiane  |  abc.etüden


Die Personen und die Handlung der Geschichte sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

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Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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5 Antworten zu Brotzeit. | abc.etüden

  1. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 18.19.21 | Wortspende vom Bodenlosz-Archiv | Irgendwas ist immer

  2. doroblogx schreibt:

    Geht mir unter die Haut da ging gerade eine Türe in meine Kindheit auf – ich bin sicher, es gibt diese Lebenskonstellationen und Wohnsituationen auch heute noch. Ein Segen, wenn es auch im Stillen gut wird.
    LG Doro
    https://www.doro-art.com

    Gefällt 1 Person

  3. Christiane schreibt:

    Eine stille Etüde. Danke für den Einblick in ein Leben, dass mir beim Lesen weit weg vorkommt und es doch nicht ist.
    Mögen alle im Alter umsorgt sein, und möge es den Sorgenden vergolten werden. 🙂
    Morgenkaffeegrüße 😀☁️☕🍩👍

    Gefällt 3 Personen

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