Schließt Kinder von Tod und Trauer nicht aus.

» […] Bei vielen Themen und Ereignissen mag es zutreffen, dass sie noch nicht für ein Kindergemüt geeignet sind. Ist allerdings ein Kind persönlich davon betroffen und ändert sich das Leben des Kindes, weil ein nahes Familienmitglied gestorben ist, so ist es ganz wichtig, dass Sie Ihr Kind einbeziehen. […]

Geheimnisse sowie alle Versuche, ernste und schreck¬liche Ereignisse vor dem Kind zu verbergen und fernzuhalten, schaden ihm. Kinder spüren Verschleierungen. In der Folge fühlen sie sich nicht nur gekränkt, dass sie nicht miteinbezogen werden, sondern sie beginnen, ihrem Umfeld nicht mehr so recht zu trauen. […]

Die Welt Ihres Kindes ist durch den Tod des geliebten Menschen erschüttert, und nun verliert es auch noch sein Vertrauen in die verbliebenen anderen wichtigen Bezugspersonen. Zudem ist in so einer schwierigen Situation die Fantasie Ihres Kindes nicht zu unterschätzen. Das Gehirn sucht Erklärungen und reimt sich mangels offener und ehrlicher Informationen eine Menge zusammen, was wesentlich schlimmer als die Realität ist. So kann es geschehen, dass wir mit unserem Beschützerinstinkt das Gegenteil von dem erreichen, was wir beabsichtigen.
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Abschiedsrituale wie die Beerdigung oder sich am offenen Sarg noch einmal zu verabschieden sowie kleine Abschiedsgeschenke wie Bilder, Briefe und andere Andenken in den Sarg zu legen, haben ihren Sinn. Wieso sollten diese nur Erwachsenen vorbehalten sein? Erklären Sie Ihrem Kind möglichst genau, was vor sich geht, warum die Menschen das tun und wie es ihnen damit geht. Fragen Sie Ihr Kind, was es selbst denkt, fühlt, gerne tun oder nicht tun möchte. Daher ziehen Sie Ihr Kind mit in die Vorbereitungen ein, muten Sie Ihrem Kind Aufgaben zu und geben Sie ihm die Chance, an der Krise zu wachsen, auch wenn es Ihnen dafür viel zu früh erscheint. Das Schicksal fragt einfach nicht nach dem richtigen Timing. […]

Ihr Kind hat einen geliebten Menschen verloren, es muss damit in Zukunft leben – und das ist wesentlich schlimmer und härter als eine Beerdigung oder eines der anderen Rituale. […]

Dürfte Ihr Kind aber an einem hilfreichen Ritual nicht teilnehmen, bei dem alle anderen dabei waren, würde es sich ausgeschlossen fühlen. Das würde die Lücke, die der Verstorbene hinterlässt, nur vergrößern. Vertrauen Sie darauf, dass auch Ihr Kind Kraft aus der Gemeinschaft und den Ritualen ziehen wird. Haben Sie keine Sorge, dass etwas un¬zumutbar für Ihr Kind sein könnte. In der Regel können Sie die Situation durch offene und ehrliche Gespräche nicht verschlimmern.
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Versuchen Sie […] Ihr Kind dabei zu unterstützen, auch seinen eigenen Weg der Trauer und der Verarbeitung finden zu können. Stellen Sie sich möglichst seinen Fragen, hören Sie auf die Ideen und Vorschläge. Entwickeln Sie mit Ihrem Kind gemeinsam ein Abschiedsritual, das ganz Ihnen beiden und dem Verstorbenen entspricht. Beerdigung und Trauer dürfen ganz klar Ihren Stempel tragen. […]

Obwohl das im Moment vielleicht kaum vorstellbar für Sie ist, legen Sie damit in Ihrem Kind einen gesunden Samen dafür, auch später in schwierigen Situationen den Mut zu haben, in sich hineinzuhören, zu ergründen, wie seine Bedürfnisse sind, eigene Strategien zu entwickeln und diese umzusetzen.

Wenn Sie Ihre Trauer vor Ihrem Kind verbergen, kann das bei Ihrem Kind eine große Irritation hervorrufen: Ihr Kind trauert, bemerkt aber gleichzeitig, dass es wohl als Einziges immer wieder einmal weint oder sich lustlos, wütend und antriebsschwach fühlt. Daraus könnte Ihr Kind den Rückschluss ziehen, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Deshalb ist es ratsam, Ihr Kind auch Ihre Gefühle mitbekommen zu lassen. […]

Ihr Kind darf Ihre Tränen sehen, wenn sie unvermutet kullern. Dann erklären Sie Ihrem Kind, dass Sie gerade an die verstorbene Person denken und Sie diese vermissen. Erzählen Sie, dass Ihre Gefühle sich ständig ändern, dass es Regungen sind, die Sie so überhaupt noch nie erlebt haben, dass Sie sich erst an die neue Situation gewöhnen müssen. Gestehen Sie ruhig, wie ungeduldig Sie oft sind und dass Sie manchmal das Gefühl haben, keine Kraft zu besitzen. Aber sprechen Sie auch darüber, wie sehr Sie sich wundern, wie Ihnen dennoch vieles gelingt, dass nach den kraftlosen und sehr traurigen Momenten die Energie und Ihr Lebensmut wieder auftauchen, wie sehr Sie sich freuen, dass Ihr Kind noch bei Ihnen ist, und dass Sie sicher sind, dass Sie gemeinsam alles irgendwie und vor allem gut überstehen werden, auch wenn Sie im Moment nicht ganz genau wissen, wie es geht. Sagen Sie ruhig, dass Sie bei all dem Traurigen niemals das große Ganze aus den Augen verlieren, nämlich die Liebe zu Ihrem Kind. So eröffnen Sie die Möglichkeit, dass Ihr Kind ebenfalls über seine Trauer spricht und Sie in seine ebenfalls ständig wechselnden Gefühlswelten miteinbezieht. Bei diesen Gesprächen erleben Sie vermutlich, dass Ihr Kind gestärkt und ermutigt daraus hervorgeht, und das verbindet Sie auf eine ganz einzigartige Weise, die Sie unter normalen Umständen kaum erreichen können.
[…] «

Eva Terhorst, Tanja Wenz  ::  Psychologie Heute   ::  10.03.2021  ::  Familie: Beschützerinstinkt hilft nicht  ::  https://www.psychologie-heute.de/familie/artikel-detailansicht/41133-beschuetzerinstinkt-hilft-nicht.html


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6 Antworten zu Schließt Kinder von Tod und Trauer nicht aus.

  1. Ulli schreibt:

    Aus eigener Erfahrung weiß ich gut, wie schaedlich dieser vermeintliche Schutz gewesen ist.
    Danke für diesen Beitrag.
    Liebe Grüße
    Ulli

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  2. Lene schreibt:

    Wunderbar gesagt, dem kann ich nichts mehr hinzufügen!

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  3. Lene schreibt:

    Ja, das kenne ich auch. Es wird oft so gehandelt, weil man Kindern so etwas ersparen will. Man bedenkt nicht, dass auch unangenehme Gefühle aufgearbeitet werden müssen. Aber das zieht sich ja wie du auch weißt weiter durch; unangenehmes wegdrücken, mit der Meinung, dass es so besser sei. Wohin das führt, wissen wir.. LG

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    • Und man darf, man muss unangenehme Gefühle auch zeigen, ausleben dürfen. Wir betrögen uns und die Kinder um die Reichhaltigkeit unserer Gefühle; ein nicht ausgelebtes unangenehmes Gefühl führt dazu, dass auch die angenehmen Gefühle nicht mehr so stark wahrgenommen werden.

      Ein tolles Beispiel gab es gestern bei VOX bei Sing Meinen Song. Die Sendung stand kurz vor dem Abbruch, weil alle 7 Prominenten weinten. Wegen einer traurigen Geschichte eines der Prominenten. Es berührte nicht peinlich und es schämte sich auch niemand seiner Tränen. Ich hoffe, dass diese Szenen auch fürs Publikum einen befreienden Effekt haben werden. LG

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  4. Lene schreibt:

    Absolut, Kinder müssen lernen, damit umzugehen. Wir hatten das auch, in unserer Arbeit und es wurde begleitet.

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    • Danke. Als Kind schloss man mich von der Beerdigung meiner Ur-Oma aus. Sie war von einem Tag zum anderen für mich verschwunden. Viel geredet wurde darüber nicht. In allen Gesprächen habe ich immer die Meinung vertreten, dass Kinder am Leben und Sterben beteiligt werden müssen. Kinder sind stark und es macht sie stark. LG

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