Alles, was bleibt. | abc.etüden

Dora Labe, Halbwaise, fünfzehnjährig, ahnt noch nicht, was ihr widerfahren wird, ab diesem lauen neunten Novemberabend im Jahr Neunzehnhundertachtunddreißig.

Ahnungslos sitzt sie mit ihrer freundlichen Mutter Rosalie und den beiden Geschwistern Theo und Paul beim Abendbrot, als die Horde ihren Laden und die dahinterliegende Wohnung stürmt.
Die Männer schleppen alle Habseligkeiten, die Möbel, die Buchführung, vielleicht ein Fotoalbum, was die Kinder so besitzen, auf den Platz vor ihr Haus und zünden alles an; das Haus lassen sie unversehrt, der Familie gehört es nicht, sie sind nur Mieter eines ortsansässigen Bauern. –


Im September 1939 befindet sich Dora in einem Hachschara-Lager in Schniebinchen, in dem sie sich mit hundert anderen Jugendlichen auf ihre Ausreise nach Palästina vorbereitet, doch die Aussicht darauf wird mit Kriegsbeginn immer trüber. –


Eine nächste Spur hinterlässt Dora ab 14. August 1940, aus einem Mädchenheim in Berlin kommend, in dem Zwangsarbeitslager „Schlosshofstraße“ für auswärtige Juden in Bielefeld; sie muss sich jetzt zusätzlich Sara nennen.


Deportationen beginnen im Dezember 1941, Dora weiß nicht, ob und wann sie davon betroffen sein wird. –


Als es so weit ist, wird sie zusammen mit ihrem Koffer in einen Vieh-Waggon verladen, sie hat zu essen und zu trinken, schlafen ist möglich; nach zwei Tagen reibungsloser Fahrt kommt der Zug an der alten Rampe von Auschwitz-Birkenau an, Dora steigt aus und sieht ein von SS umstelltes, freies, schneebedecktes Feld – von ihrem Koffer muss sie sich trennen.
Ein Lastwagen fährt sie ins Lager, sie muss durch ein Gehölz zu zwei Baracken gehen, von dort zu zwei hübsch und sauber anzusehenden Bauernhäuser, durch ein kleines Wäldchen voneinander getrennt: die Gaskammern.
Das ist am 3. März 1943 – vergast, ermordet – allein in diesen beiden Gaskammern sterben in diesen Jahren so viele Menschen, wie eine Großstadt Einwohner hat.


Ein Schulfoto, das Einzige, was von ihr bleibt
:

Dora Labe, geboren am 05.11.1923, vergast am 03.03.1943

Die Grimme-Preis-gekrönte Dokumentation dazu sei euch ans Herz gelegt:

Vernichtet – Eine Familiengeschichte aus dem Holocaust
Zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz erzählt dieser Film die Geschichte einer Brandenburger Familie: Sie wurde auseinandergerissen, deportiert und an verschiedenen Orten ermordet.

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/05/16/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-20-21-21-wortspende-von-red-skies-over-paradise/  |  Christiane  |  abc.etüden


Die Personen und die Handlung der Geschichte sind nicht frei erfunden. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen sind zig-tausenfach gegeben.

Dieser Artikel ist unter CC BY-NC-ND 4.0 lizenziert. [Teilen erlaubt mit Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitung]

Impressum/Datenschutz/Datensicherheit

Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
Dieser Beitrag wurde unter RSOPfiction, RSOPStolpersteine abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Alles, was bleibt. | abc.etüden

  1. Pingback: Schreibeinladung für die Textwoche 22.21 | Extraetüden | Irgendwas ist immer

  2. Ulli schreibt:

    Und heute schmeißen Uniformierte Geflüchtete zurück ins Meer 😥

    Gefällt 2 Personen

  3. Christiane schreibt:

    Nie wieder. Ich lese das, und schon bei der Nennung des Datums war mir klar, was vermutlich folgen würde: Es erschüttert mich dennoch.
    Nie wieder. Und das gilt nicht nur für Juden.
    Danke dir.
    Regnerische, stille Morgenkaffeegrüße 🤔😉🌦️☕🍩👍

    Gefällt 2 Personen

Hinterlasse hier deinen Kommentar und beachte dabei das Menü/die Seite 'Impressum/Datenschutz/Datensicherheit'. Mit dem Absenden dieses Kommentars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch *.wordpress.com einverstanden:

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.