Hinter den Fassaden der Kulissen in den wir Leben verfault alles, und wenn wir unser Wahlverhalten nicht ändern, wird es sinnbildlich in Deutschland bald so aussehen, wie Berlin 1945 aussah.

» […] Wer in Deutschland wegen einer Covid-19-Erkrankung ins Krankenhaus kommt, wird wohl ein Bett erhalten, nicht trotz, sondern wegen der betriebswirtschaftlichen Ausrichtung der Häuser. Er oder sie wird aber auch auf ärztliches und pflegerisches Personal treffen, das schon vor der Krise im Notfallmodus war. […]

Die neoliberale Umstrukturierung des Gesundheitssektors hat wie überall zwei Ziele: zum einen private Profite zu ermöglichen und zu erhöhen, zum anderen Verluste zu vergesellschaften beziehungsweise die Kosten auf den Einzelnen zu verlagern. […]

kommt es darauf an, ob das ausgegebene Geld den Patientinnen und Patienten, den Pflegekräften oder den Aktionärinnen und Aktionären zugutekommt. Vor der Coronakrise machten große Krankenhauskonzerne wie Asklepios um die 12 Prozent Rendite.
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Die Gesundheitsversorgung galt bis in die achtziger Jahre als grundlegende Daseinsvorsorge, für deren Finanzierung der Staat und die paritätisch von Arbeitgebern und Arbeitnehmern finanzierten gesetzlichen Krankenversicherungen verantwortlich waren.

Seitdem erfolgte schrittweise die Ökonomisierung und damit Profitorientierung des Gesundheitssystems.
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Fallpauschalen sind ein kompliziertes Festpreissystem, das nur die laufenden Kosten der stationären Behandlungsfälle, aber keine Vorhaltekosten deckt und keine Investitionen ermöglicht. Unter Vorhaltekosten fallen zum Beispiel die zur Verfügung gestellten Krankenhausbetten, die nicht im Normalbetrieb belegt, sondern für einen Not- oder Katastrophenfall vorgehalten werden. Diese Kapazitäten können nicht oder nur eingeschränkt genutzt werden, solange kein Notfall eintritt, und sind daher unrentabel.
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Die Fallpauschalen erzeugen vielmehr einen hohen betriebswirtschaftlichen Druck, Kapazitäten auszulasten, Kosten zu reduzieren und Verdienstmöglichkeiten auszubauen. Daher bemühen sich die Krankenhäuser, die Behandlungskosten so niedrig wie möglich zu halten. Das gelingt vor allem durch Personalabbau; rund 60 Prozent der Gesamtkosten eines Krankenhauses sind Personalkosten. In Vollzeitstellen umgerechnet ist die Zahl der Pflegekräfte in Krankenhäusern stark gesunken: Mittlerweile gibt es 30 000 Stellen weniger als in den neunziger Jahren. Durch das outsourcing von Küche, Reinigung und Sicherheit ist ein großer Niedriglohnsektor in den Krankenhäusern geschaffen worden. Die Arbeitsabläufe sind aufgespalten worden. Durch die Trennung von weniger qualifizierter und höher qualifizierter Arbeit im Pflegebereich können bestimmte Tätigkeiten auf lediglich angelernte und schlechter bezahlte Pflegekräfte verlagert werden.
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Da die Behandlung nach der Hauptdiagnose bezahlt wird, lohnt es sich nicht, mehrere gesundheitlich Probleme gleichzeitig zu behandeln, auch wenn das medizinisch sinnvoll wäre. Vielmehr werden Patienten entlassen und nach einiger Zeit – nun mit einer neuen Hauptdiagnose – wieder aufgenommen.

Für Menschen, die mit sogenannten Extremkosten assoziierte Erkrankungen haben, ist es häufig schwierig, ein Krankenhaus zu finden, das sie aufnimmt.

Stationen, die zu viel kosten, werden geschlossen.

Das betrifft auch Pädiatriestationen, da sich die Gesundheitsversorgung von Kindern nur schwer standardisieren lässt und deshalb relativ personalintensiv und teuer ist.

Diese Stationsschließungen führen für chronisch und schwer kranke Kinder zu erheblicher Unterversorgung und häufig zum Verlust wohnortnaher Versorgung.
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Operationen, die weniger der Gesundheit der Patienten als dem Gewinn der Krankenhäuser dienen, müssten allerdings als Körperverletzung bewertet werden.

Das wird am Kaiserschnitt deutlich: Der Erlös für die Kliniken liegt etwa um ein Drittel höher als bei einer vaginalen Geburt, unter Umständen ermöglicht zudem die zeitliche Planbarkeit, Personalkosten einzusparen.

Kein Wunder, dass der Anteil der Kaiserschnitte an allen Geburten zwischen 2000 und 2017 um über 40 Prozent zugenommen hat.
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Die Konkurrenz um die niedrigsten Kosten führt zudem dazu, dass die Fallpauschalen sinken. Die komplexen Dokumentationsvorschriften sind für das Personal überdies sehr zeitaufwendig, diese Zeit fehlt bei der Patientenbetreuung; bei inkorrekter Dokumentation drohen Rückforderungen der Krankenkassen.

Die Zahl der Krankenhäuser nahm seit 1991 stetig ab, von 2 411 auf 1 942 im Jahr 2017. Die Zahl der privaten Häuser stieg im selben Zeitraum von 358 auf 720. Damit waren 2017 mehr als ein Drittel der Krankenhäuser und fast ein Fünftel der Betten privat geführt. Die Zahl der Betten sank seit der Einführung der DRG bis 2017 um 50 102.
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Nach aktuellen Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bietet Deutschland mit knapp 34 Intensivbetten pro 100 000 Einwohner die höchste Quote in der EU, gefolgt von Österreich, wo knapp 29 Intensivbetten auf 100 000 Einwohner kommen. Recht hoch ist diese Zahl mit knapp 26 auch in den USA
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Man müsse zugeben, dass das Gesundheitssystem durch die Fallpauschalen teurer und weniger sozial geworden sei.

Dass die invasiven Beatmungen auf Intensivstationen zu den für die Krankenhäuser lukrativen Angeboten zählen, die durch das System der Fallpauschalen belohnt ¬werden, war ein Fehlanreiz, der das deutsche Gesundheitssystem aber in der Covid-19-Pandemie möglicher¬weise vor einem frühen Kollaps bewahrt hat.
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Weil die Arbeitsbedingungen unerträglich geworden sind, arbeiten immer mehr Pflegekräfte nur noch in Teilzeit.

Die Lücken sollen mit Leiharbeitskräften und aus Nicht-EU-Staaten angeworbenen Fachkräften gefüllt werden. […]

Fast 70 Prozent der Befragten klagten über nahezu ständigen Zeitdruck, sie arbeiteten durchschnittlich knapp zwölf Stunden pro Woche mehr als vertraglich vereinbart. Etwa 59 Prozent der Befragten gaben an, zur Stressbewältigung die Qualität ihrer Arbeit zu reduzieren.
[…] «

Kirsten Achtelik  ::  jungle.world  ::  30.04.2020  ::  Betten sind nicht alles – Die Ökonomisierung des deutschen Gesundheitssystems und ihre Folgen  ::  https://jungle.world/artikel/2020/18/betten-sind-nicht-alles


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Eine Antwort zu Hinter den Fassaden der Kulissen in den wir Leben verfault alles, und wenn wir unser Wahlverhalten nicht ändern, wird es sinnbildlich in Deutschland bald so aussehen, wie Berlin 1945 aussah.

  1. wildgans schreibt:

    Es gefällt mir nicht, was ich da lese. Habe es gelesen und es ist haarsträubend!

    Gefällt 1 Person

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