Dickicht. | abc.etüden

Julian fährt täglich seine Runden mit dem neuen Mountainbike.

Dabei erweitert er Stück um Stück seine Reichweite.

Am Stadtrand gibt es ein großes, dunkles Dickicht mit Bäumen und Sträuchern, zwischen ihnen Trampelpfade – eine Industrie-Brache.
Ideal um die Geländegängigkeit seines Mountainbikes zu testen.


Er fährt an den Rand des Dikichts, es ist ihm ein wenig mulmig zumute, er kann nicht in die bedrohlich wirkende Dunkelheit hineinsehen, keine Geräusche dringen nach außen und doch vernimmt sein inneres Ohr krächzen, rascheln und den Ruf eines Käuzchens.

Er setzt zehn Meter zurück, nimmt all seinen Mut zusammen, und Anlauf – verwegen stürzt er sich mit seinem Rad auf den Trampelpfad zwischen den Büschen.

Nach einer halben Stunde des Hin- und Her, Kreuz- und Quer-Fahrens erregt etwas Buntes zwischen den Sträuchern seine Aufmerksamkeit, er hält an, geht langsam hin, und entdeckt etwas Zusammengeknülltes, eine Decke vielleicht.

Er bückt sich, faltet die durchfeuchtete, modrig riechende Decke auseinander – und erstarrt zur Salzsäule: aus dem Inneren purzeln ihm viele kleine Knochen und ein kleiner Schädel entgegen. –


Eine Stunde später ist das Dickicht mit Trassierband weiträumig abgesperrt und die Spurensicherung geht ihrer Routine nach.
Was dort liegt, ist die fast skelettierte Leiche eines Säuglings, die dort zwischen ein und zwei Jahren lag, die Decke war eine bunt karierte Picknickdecke 1,75mx1,35m, die Kripo wird die Herkunft recherchieren, es war KiK-Massenware aus dem vorvorletzten Jahr, die Kindsmutter wird, trotz XY-Fahndung, nie ermittelt werden.


Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/06/06/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-23-24-21-wortspende-von-nellindreams/  |  Christiane  |  nellindreams | abc.etüden


Die Personen und die Handlung der Geschichte sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

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Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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11 Antworten zu Dickicht. | abc.etüden

  1. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 25.26.21 | Wortspende von Allerlei Gedanken | Irgendwas ist immer

  2. puzzleblume schreibt:

    Ein kleines Stadtdrama, das mit seinen einzelnen Einsamkeiten nahegeht.

    Gefällt 1 Person

  3. nandalya schreibt:

    Du solltest dich als Drehbuchautor beim Tatort bewerben.

    Gefällt 1 Person

  4. nellindreams schreibt:

    Der absolute Albtraum, sowohl die Entdeckung als vermutlich auch die Hintergründe, wenn sie denn ermittelt werden können…

    Gefällt 1 Person

  5. Christiane schreibt:

    O je. Ich glaube, so etwas ist ein weit verbreiteter Albtraum. Mich würde besonders bedrücken, dass keine Umstände ermittelt werden können/konnten, dass das Kind namenlos bleibt und man nur für seine Seele (und die der Mutter) beten kann … Stoff für Tragödien.
    Sonntagmorgenkaffeegrüße 😀🌥️🌼🐝☕🍩👍

    Gefällt 3 Personen

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