„Bestimmen Sie selbst, was passieren soll, wenn Sie selbst nicht mehr bestimmen können.“

» […] nicht jeder ist bis ans Ende seines Lebens in der Lage, noch eigenständige Entscheidungen zu treffen. Und da gilt es etwas zu regeln.
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Es kann einfach jeden erwischen: Junge und Alte, Arme und Reiche, einfach jeden Menschen. Gerade noch lustig mit anderen gescherzt und ein paar Stunden später nicht mehr in der Lage, einen Scherz auch nur im Ansatz zu verstehen.

Die medizinischen Ursachen sind vielfältig. Schlaganfälle, Hirnerkrankungen durch Viren oder Bakterien, Schädel-Hirn-Traumata durch Unfälle, Psychosen, Demenz, Birne weggesoffen usw. Von Null auf Hundert nicht mehr klar im Kopf oder vielleicht noch schlimmer, völlig klar im Kopf, aber nicht mehr in der Lage sich irgendwie verständlich zu machen. Gefangener im eigenen Körper. Eben war man noch der „King of Swing“ und konnte seine Angelegenheiten locker alleine regeln und dann weiß man unter Umständen nicht einmal seinen eigenen Namen und hält die eigenen Kinder für Fremde oder stellt der eigenen Ehefrau die Mitbewohnerin im Heim als Ehefrau vor.
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Das Problem ist, dass dann auf einmal andere Menschen ganz elementare Fragen für Sie entscheiden müssen. Und nein, dass sind dann eben nicht „automatisch“ Ihre Verwandten oder Ihr Ehepartner, wie viele denken. Ohne eine von Ihnen erteilte besondere Vollmacht haben die gar nichts zu kamellen.
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Wenn man so gar nichts regelt, dann sucht das Amtsgericht einen Betreuer für mich aus, meistens einen Berufsbetreuer, also jemanden, der professionell und gegen eine pauschale monatliche Vergütung die Betreuung übernimmt. […] Die Betreuung wird immer nur für bestimmte Wirkungskreise eingerichtet, also zum Beispiel für die Vermögenssorge, Wohnungsangelegenheiten, die Bestimmung des Aufenthalts, die Gesundheitsfürsorge, eine Freiheitsentziehung oder die Erledigung von Behördenangelegenheiten.
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Manche Betreuer versuchen leider ihre eigene Denk- und Lebensart, manche auch ihre persönlichen Moralvorstellung auf den Betreuten zu übertragen. […] Bei manchen Betreuungen sind die gesetzlichen Pauschalen ein schlechter Witz, weil Aufwand und Entschädigung in keinem Verhältnis zueinander stehen.
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Wer nun nicht will, dass eine wildfremde Person über die eigenen Belange entscheidet, der kann das weitgehend vermeiden, indem er eine Vorsorgevollmacht und/oder eine Betreuungsvollmacht erteilt.

Mit der Vorsorgevollmacht wird eine andere Person beauftragt, im Fall der Fälle, also dann wenn man selbst nicht mehr geschäfts- oder einwilligungsfähig ist, dem eigenen Willen Gehör zu verschaffen. Natürlich kann man so eine Vollmacht nur erteilen, solange man selbst noch geschäftsfähig ist.
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Falls Sie also nicht gewohnt sind, wasserdichte Texte zu formulieren, sollten Sie sich deshalb bei der Abfassung der Vorsorgevollmacht beraten lassen. Das machen auf der einen Seite Rechtsanwälte und Notare; es gibt aber auch seit 2005 die Möglichkeit, sich von anerkannten Betreuungsvereinen beraten zu lassen. Beratung und Unterstützung finden Sie auch bei den Betreuungsbehörden der Kreise. Wichtig ist, dass die Vollmacht wohl durchdacht und vor allem individuell auf Sie zugeschnitten ist. Jede Jeck is anders und so jeder hat andere Vorstellung von der Gestaltung seines Lebens und Sterbens.
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Die fertigen Vorsorgevollmachten, bei denen man nur einzelne Kästchen ankreuzen muss […] sind zwar besser als gar nichts, können aber in der Regel eine handgestrickte Vollmacht vom Fachmann […] Fachfrau […] nicht wirklich ersetzen.
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Neben den konkreten Befugnissen, die Sie Ihrem künftigen Bevollmächtigten einräumen wollen, ist natürlich am wichtigsten, dass Sie die richtige Person für diese Position auswählen, und dass diese Person die Aufgabe auch erfüllen kann und erfüllen will. […] Allzu oft habe ich Bevollmächtigte erlebt, die herzensgute Menschen, aber genau aus diesem Grund nicht in der Lage waren, dem Willen des Vollmachtgebers zum Durchbruch zu verhelfen.
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Wenn Sie eine Person „auserkoren“ haben, reden Sie offen mit ihr darüber, dass Sie sie als Bevollmächtigten auswählen würden und stellen ihr – ohne dass Sie ihr bei einer Absage böse sind – völlig frei, ob sie das auf sich nehmen will oder nicht.

Im Falle einer wirksamen Vorsorgevollmacht wird ein Betreuungsverfahren in aller Regel entbehrlich. […] Falls es dennoch zusätzlich eines Betreuers bedarf, können Sie auch für die Auswahl des Betreuers in der Vorsorgevollmacht Vorschläge machen, die das Gericht dann auch berücksichtigen wird. Suchen Sie sicherheitshalber auch ein paar Menschen mehr aus, die Sie hintereinander bevollmächtigen oder als Betreuer vorschlagen. Man weiß ja nie, ob der gute kluge Freund von heute nicht schon morgen in einen Zustand gerät, der ihn als Bevollmächtigten ausschließt oder auch einfach ablehnt, wenn es ernst wird.
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Wenn Sie auf der einen Seite eine vertraute Person auswählen möchten, auf der anderen Seite aber nicht auf die Kontrolle durch das Betreuungsgericht verzichten wollen, dann können Sie auch eine Betreuungsverfügung treffen. Dann haben Sie eben keinen privaten Bevollmächtigten, sondern einen Betreuer. Das Gericht wird aber dann denjenigen einsetzen, den Sie in der Verfügung genannt haben und diesen auch mehr oder weniger kontrollieren.
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Eine Patientenverfügung ist eine schriftliche Vorausverfügung für den Fall, dass Sie Ihren Willen selbst nicht mehr wirksam erklären können. Sie bezieht sich in erster Linie auf medizinische Maßnahmen.

Die Patientenverfügung ist ausdrücklich im BGB geregelt.

§ 1901a Patientenverfügung
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Wenn Sie die Patientenverfügung mit einer Vorsorgevollmacht gekoppelt haben, übernimmt Ihr Bevollmächtigter die Durchsetzung Ihres in der Verfügung geäußerten Willens zu bestimmten Behandlungen oder auch Nichtbehandlungen.

Die Patientenverfügung greift nur, wenn Sie selbst nicht mehr entscheiden können, also einwilligungsunfähig sind. […] Notfalls muss dann ein Gutachten her.
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Während Sie mit der Vorsorgevollmacht bestimmen, wer Ihren Willen durchsetzen soll, wenn Sie es selbst nicht mehr können, bestimmten Sie mit der Patientenverfügung, welche Handlungen durchgeführt oder unterlassen werden sollen, also was eigentlich Ihr Wille ist.
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na dann schreiben Sie halt da hinein, dass Sie im Falle einer Beatmungsnotwendigkeit nicht beatmet werden möchten. Dann lässt man Sie auch damit in Ruhe und Sie dürfen ersticken oder ertrinken. It‘s your choice.

Wenn Sie BigPharma den Gewinn an Antibiotika nicht gönnen, schreiben Sie rein, Sie möchten keine Antibiotika. Oder schreiben Sie halt rein, dass Sie auf Ihre eigene Abwehr vertrauen und diese maximal mit Homöopatika „behandeln“ lassen möchten.
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Die Ärzte sind weitestgehend an Ihre Verfügungen gebunden. […] Sie können die Patientenverfügung jederzeit widerrufen. Dazu müssen Sie nicht einmal mehr sprechen können. Es reichen einfache Gesten wie Kopfschütteln, Nicken oder auch Grunzlaute […] – sofern die für den Arzt eindeutig sind.
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Es ist auch sinnvoll, eine einmal getroffene Patientenverfügung in regelmäßigen Abständen darauf hin zu überprüfen, ob Ihr Wille noch derselbe geblieben ist […] Wenn Sie die Verfügung immer noch für richtig halten, schreiben Sie es einfach mit dem Datum auf die Vollmacht.
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Damit es hinterher keine Zweifel an Ihrer Einwilligungs- und Geschäftsfähigkeit zum Zeitpunkt der Bevollmächtigung gibt, empfehle ich grundsätzlich, sich eine Bestätigung vom Hausarzt geben zu lassen.
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Der Bevollmächtigte sollte schon mal vorab ein Exemplar bekommen.
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Sie können und sollten Ihre Vorsorgeverfügungen, also die Vorsorgevollmacht, die Patientenverfügung oder auch eine Betreuungsverfügung beim zentralen Vorsorgeregister, das bei der Bundesnotarkammer geführt wird, registrieren lassen. […] Betreuungsgerichte können dort vor Anordnung einer gesetzlichen Betreuung über einen besonders geschützten Bereich im Internet bzw. über das Justiznetz nachfragen, ob es eine Vorsorgeregelung gibt. Diese Anfrage bei der Bundesnotarkammer ist zu jeder Zeit und damit auch in Eilfällen möglich. Da müssen Sie allerdings auch darauf achten, dass Sie dann Änderungen jeweils eintragen lassen.

Vielleicht schreiben Sie zusätzlich einen kleinen Zettel, den Sie an Ihr Krankenversicherungskärtchen kleben.
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Überlegen Sie, was Ihr Wille ist.

Wenn Sie gar nichts regeln, […] dann geschieht das, von dem die Ärzte meinen, dass es Ihr Wille wäre. Mir wäre das zu unsicher. Ich möchte dann doch lieber, dass mein eigener Wille geschieht. Und das kann ich steuern.
[…] «

Heinrich Schmitz  ::  Die Kolumnisten  ::  30.01.2021  ::  Regeln Sie was wichtig ist  ::  https://diekolumnisten.de/2021/01/30/regeln-sie-was-wichtig-ist/


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Über Red Skies Over Paradise

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4 Antworten zu „Bestimmen Sie selbst, was passieren soll, wenn Sie selbst nicht mehr bestimmen können.“

  1. tomfmr schreibt:

    Seit Jahren schon sage ich mir, das musst du dringend regeln. Ich hoffe doch, ich mache das gelegentlich, bevor es zu spät ist…
    LG Tom

    Gefällt 1 Person

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