„Im Moment habe ich ein fotografisches Gedächtnis. Die Szenen meines Lebens, die ich als existenziell erlebt habe, kann ich nicht nur abrufen – sie sind einfach da. … Ich müsste mir richtig Mühe geben, wenn ich chronologisch anordnen sollte, was unentwegt an Erinnerungen auf mich einströmt.“

» […] F: Der erste Satz in Ihrem Buch lautet: „Mein idealer Ort ist eine Erinnerung.“ Welche ist das?

A: Es ist die Erinnerung an eine Situation von Geborgenheit. Ich hatte von meinem siebenten Lebensjahr an von meiner Mutter die Erlaubnis, in den Sommerferien meine Großmutter zu besuchen. Die beiden Frauen haben sich gegenseitig herabgesetzt. Ich bin also von 1947 an bis zum Abitur immer am ersten Ferientag von Berlin nach Greifswald gefahren, wo meine Großmutter in der Obstbausiedlung einen kleinen Garten hatte. Und dort durfte ich den ganzen Sommer bleiben.

Ich war durchaus gefordert, musste Beeren pflücken, abwiegen und auf dem Markt verkaufen, aber der Nachmittag war frei und ich lag lesend und dösend in der Hängematte im Garten meiner Großmutter. Oft wachte ich dann vom Duft des Kuchens auf, den ihr Freund für uns gebacken hatte, er war Bäckermeister. Meine Großmutter war Schuldirektorin. Dort bei ihr war die Welt total geordnet, strukturiert, voller Regeln. Für mich war das wohltuend. Und sie hat mich geliebt. Diese Erfahrung, dass mich jemand so bejaht, hat mir gutgetan. Meine Mutter hat mich immer als fremd empfunden.


F: Können wir alle solche schönen Erinnerungen von Geborgenheit ganz bewusst als Zuflucht aufsuchen, wenn es uns nicht gutgeht?

A: Ja, davon bin ich überzeugt. Ich bin ein gläubiger Mensch, das macht es vielleicht einfacher. Wenn man sich nicht unbedingt einreden möchte, wie unglücklich und benachteiligt im Leben man doch ist, dann können solche schönen Erinnerungen wie ein Seil sein, an dem man sich hochhangelt. Wenn man will, kann man sehr viel Konstruktives in seinem Leben bemerken und dieses Konstruktive in Gedanken tatsächlich aufsuchen. Das hilft einem dabei, es auch zu leben, anderen gegenüber. Man kann das Konstruktive allerdings auch stören.

F: Haben schöne Erinnerungen nicht gleichzeitig etwas Deprimierendes, gerade weil man sich damals so wohlgefühlt hat? Vielleicht sagt man sich: Das alles ist nun schon so lange vorbei, dass es gar nicht mehr real ist. Und diese lieben Menschen, an die ich mich da erinnere, sind längst tot.

A: Nein, nicht die Erinnerungen sind für mich irreal, sondern dass die erinnerten Personen tot sind. Ich kenne so viele Menschen, die nicht mehr leben, die in meinen Erinnerungen für mich realer sind als manche schattenhafte Gestalt, die mir in der Gegenwart begegnet. Wenn ich zum Beispiel hier Kaffee einschenke, dann höre ich die Stimme meiner Großmutter, wie sie in ihrer Welt der Regeln sagt: „Der ranghöchsten Dame am Tisch musst du zuerst eingießen.“ Solche Erinnerungen sind doch der Beweis, dass dieses Aufgehobensein, das man dabei empfindet, im Leben, also auch heute und hier jederzeit möglich ist.

F: Ausgiebiges Erinnern hat keinen guten Ruf. Es heißt, man solle nicht in der Vergangenheit, sondern „im Hier und Jetzt“ leben. Oder man solle „den Blick nach vorn richten“. Was halten Sie von solchen Losungen?

A: Ich denke nicht, dass man anstreben sollte, die Vergangenheit außer Acht zu lassen. Das ist doch ein Reichtum, aus dem man schöpfen kann! Im Gegenteil, ich habe die Befürchtung, dass ich irgendwann dement sein könnte und dies alles dann eingeschränkt wäre. Im Moment habe ich ein fotografisches Gedächtnis.

Die Szenen meines Lebens, die ich als existenziell erlebt habe, kann ich nicht nur abrufen – sie sind einfach da. Es wäre sinnlos, wenn ich mir vornehmen würde, nicht an die Vergangenheit zu denken, denn sie ist immer präsent. Ich müsste mir richtig Mühe geben, wenn ich chronologisch anordnen sollte, was unentwegt an Erinnerungen auf mich einströmt. Für das Erinnern selbst ist dieses zeitliche Einordnen egal, für das Erzählen übrigens auch.

F: Wie ist es mit der Zukunft?

A: Über die Zukunft nachzugrübeln ist müßig, denn die ist völlig unbestimmt. Sie kann in einer Stunde vorbei sein, wenn ich hier tot umfalle. Vieles kann man eben gar nicht beeinflussen. In der Bibel steht: „Darum sorget nicht für den morgigen Tag, der morgige Tag wird für das Seine sorgen.“ Das ist doch beruhigend. Man geht einfach Schritt für Schritt weiter und schleppt immer den ganzen Rattenschwanz der Erinnerungen mit. […] «

Thomas Saum-Aldehoff im Gespräch mit Helga Schubert [https://ogy.de/f6b3] | Psychologie Heute | 05.11.2021 | Leben – „Schöne Erinnerungen sind wie ein Seil…“ | https://www.psychologie-heute.de/leben/artikel-detailansicht/41595-schoene-erinnerungen-sind-wie-ein-seil.html


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5 Antworten zu „Im Moment habe ich ein fotografisches Gedächtnis. Die Szenen meines Lebens, die ich als existenziell erlebt habe, kann ich nicht nur abrufen – sie sind einfach da. … Ich müsste mir richtig Mühe geben, wenn ich chronologisch anordnen sollte, was unentwegt an Erinnerungen auf mich einströmt.“

  1. Christiane schreibt:

    Und ich frage mich, ob du das Buch gerade liest 😁👍
    Mittagskaffeegrüße 😁☁️🍁☕🍪🍂👍

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  2. gkazakou schreibt:

    pardon, das sollte ein Kommentar zu er Ausgangsfrage oben sein: ein idealer Ort der Erinnerung

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  3. gkazakou schreibt:

    eine warme Kuhle in einer mit Strandhafer bewachsenen Düne an der Ostsee.

    Gefällt 1 Person

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