» “Gehen sie nach Hause”, sage ich, als bräuchte er dazu meine Erlaubnis. «

» In mir ist es oft so still zur Zeit. Vielleicht weil jetzt überall Lichter brennen. Vor dem Haus hängt schon die begrünte Kette. Vielleicht weil das alles so seltsam absurd geworden ist mit den Zahlen und den tagesaktuellen Entwicklungen und der Tatsache, dass die Leute jetzt wieder öfter mal sterben. Ganz heimlich in der überwiegend weißen, sterilen Umgebung, versorgt von überforderten Menschen.

Ich kann das alles nicht gut aushalten. Deshalb ist es in mir wieder stiller und immer öfter nehme ich mir die Gitarre und spiele traurige Lieder, denn die mag ich am liebsten. Davon wächst mir Hornhaut an den Fingerkuppen wie früher. Was soll man sonst auch machen? Alles geht weiter.

Manchmal passieren zwischen den kürzer werdenden Tagen Dinge, die bleiben im Bauch liegen, als hättest du aus versehen einen Stein verschluckt. Wie der Mann, der Essen in so einer großen, orangen Thermostasche transportiert und eines Tages mit seiner Riesentasche neben sich in unserem Hausflur sitzt. Ich komme mit dem kleinen Kind an der Hand die Treppen runter und wir sehen ihn da sitzen und schon von oben, wie sich sein Rücken hebt und senkt. In der Hand hat er ein Telefon, der Bildschirm leuchtet noch. Als wir näher kommen, sehen wir, dass er weint. Er weint wie ein verzweifeltes Kind mit vielen Tränen und dem ganzen Körper. Alles an ihm ist erschüttert. Ich berühre mit meiner freien Hand seine Schulter und frage ihn, was los ist und ob ich ihm helfen kann. Er hebt seinen nassen Kopf und sieht mich kurz an, dann sein Telefon und sagt. “Meine Mutter ist gerade gestorben. Gerade eben.

”Eine weitere Welle der Trauer strömt durch seinen Körper. Denn manche Dinge werden realer, wenn man sie ausspricht. Ich lasse seine Schulter nicht los und mein Kind guckt mich hilflos an.

“Gehen sie nach Hause”, sage ich, als bräuchte er dazu meine Erlaubnis. “Sie sollten jetzt bei ihrer Familie sein.

”Er winkt etwas mit seiner Hand.

“Soll ich jemanden für sie anrufen?”, frage ich.

Er winkt wieder ab. Wir bleiben einen Moment nebeneinander sitzen. Vor einer verschlossenen Tür von Nachbarn. Mein Kind sieht aus, als würde es gleich mitweinen, also sage ich: “Ihr Verlust tut mir sehr leid. Ich wünsche ihnen, dass sie in Ruhe trauen können.”

Auf dem Weg zum Fußballplatz reden wir darüber, dass manche Dinge so schlimm sind, dass jedes Wort zu viel ist und gar nichts hilft außer vielleicht weinen und auch das nur sehr sehr langsam.
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Susanne Wawer | facebook | 21.11.2021 | Was uns ausmacht | https://www.facebook.com/wasunsausmacht/posts/4638786766160304


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Eine Antwort zu » “Gehen sie nach Hause”, sage ich, als bräuchte er dazu meine Erlaubnis. «

  1. Maccabros schreibt:

    Manches macht einfach sprachlos und wütend…

    Gefällt 1 Person

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